Weikersheim

Vortrag Helmut Fehler über den Ersten Weltkrieg

Unfassbares fassbar gemacht

Archivartikel

Weikersheim.Als am 3. August 1914 der erste von vier Söhnen einer fränkischen Müller-Familie zu seinem Truppenteil in Aschaffenburg beordert wurde, konnte niemand ahnen, welches Schicksal diese Familie bis zum Ende des Krieges und darüber hinhaus erleiden musste. Ihre Erlebnisse bildeten das Erzähl-Gerüst beim Vortrag des Vereins Tauberfränkische Volkskultur zum Ende des Ersten Weltkrieges.

Dem Referenten Helmut Fehler gelang es, die bereits kurz nach Kriegsbeginn auftretenden Beschwernisse der Bevölkerung lebendig zu schildern, die Hochstimmung und nachfolgende Ernüchterung über die ständig zunehmende Belastung bis zu den Hunger-Revolten in den Städten begreifbar zu machen und der damaligen kleinbürgerlichen Bevölkerung eine Stimme zu geben.

In sachliche Themen gegliedert, waren Kriegsfinanzierung, Ernährung, Gesundheit sowie Umgang mit Versehrten und Gefallenen, die künstlerischen Verarbeitung und die damalige Trauer-Kultur sowie die nachfolgenden politischen Verwerfungen des Krieges Gegenstand einer eindrucksvollen Beschreibung.

Das ganze Spektrum der Leiden, welche der Krieg hervor rief, wurde so vom Referenten für jedermann nachvollziehbar ausgebreitet. Die verständliche Frage der heutigen Generation, weshalb das Volk dieses Leid bis zum Ende des Krieges hinnahm, nahm Helmut Fehler zum Anlass, auf politische und gesellschaftliche Mechanismen wie Propaganda und Zensur, Nationalstolz und Patriotismus sowie wirtschaftliche und politische Interessen – unter anderem verantwortungslose Kriegsziele – hinzuweisen. „Ein Teil der Versäumnisse“, so Fehler, „war dem Kriegsbild von 1871 geschuldet, dem die politisch-militärische Führung des Reiches anfangs anhing“.

Der Referent hat mit seinem Beitrag zum Kriegsende 1918 das Schicksal seiner Ur-Großeltern in Umrissen sichtbar werden lassen: diese Familie hatte bis zum Kriegsende drei ihrer vier Söhne verloren, die Mutter starb an Gram, als sie die Verschollenen-Meldung ihres dritten Sohnes erhielt. Die Mühle sowie das Vermögen überlebten die Inflation 1923 nicht – die wenigen Überlebenden standen vor dem wirtschaftlichen Nichts. Fakten und nachvollziehbare Schicksale: an diesem Abend wurden historische Abläufe fassbar. Obwohl sich – so glauben viele – Geschichte nicht wiederholt, fiel den zahlreichen Zuhörern eins ums andere Mal ein Vergleich mit der derzeitigen aktuellen Weltlage ein. „Ein Fingerzeig“, so ein Zuhörer, „längst Vergangenes sich ab und zu ins Gedächtnis zu rufen“. TVK