Weikersheim

Bergkirche Laudenbach Barockkonzert in besonderem Ambiente / Konzertstunde hätte größeres Publikum verdient

Verzaubert mit Cembalo und Violine

Archivartikel

Laudenbach.Konzerte in der Laudenbacher Bergkirche haben immer einen besonderen Reiz. Wenn dann aber zwei hochkarätige Musiker, in diesem Fall derauf historische Aufführungspraxis spezialisierte Barockviolinen-Experte Bernhard Moosbauer und Michael Müller, den meisten Lesern aus dem Bad Mergentheimer St. Johannes-Münster bekannter Kirchenmusikdirektor und Regionalkantor der Diözese Rottenburg-Stuttgart, ein Konzert mit Barockviolone und Cembalo anbieten, ist Ungewöhnliches zu erwarten.

Und in der Tat: Keinesfalls „handelsüblich“ sind bereits die beiden Komponisten, die Moosbauer und Müller für ihr Bergkirchen-Konzert wählten. Der böhmische Barockkomponist Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 - 1704) war bis in die späten 1980er Jahre fast nur für Spezialisten und Fans Alter Musik und Musikwissenschaftler ein Begriff, und zwar fast ausschließlich als Geigenvirtuose.

Inzwischen hat sich das geändert: Die Werke des im Alter von 60 Jahren 1644 in Salzburg verstorbenen Komponisten – Messen, Vespern, Opern und Schuldramen, Arien, Sonaten und Serenaden – erleben eine Renaissance. Etliches wurde eingespielt, darunter die anlässlich der 1100-Jahr-Feier des Erzstiftes Salzburg und natürlich die 16 zwischen 1678 und 1687 entstandenen „Mysterien-„ oder „Rosenkranzsonaten“, von denen Moosbauer und Müller jetzt in der Bergkirche vier zu Gehör brachten.

Johann Caspar Kerll (1627 – 1603), den etwas älteren Zeitgenossen Bibers, ist bis heute fast nur Spezialisten der Musik des 17. Jahrhunderts ein Begriff. Dabei zählte der gebürtige Sachse, Sohn eines Orgelbauers und Organisten, zu den bedeutendsten Komponisten seiner Zeit. Sein Geburtsjahrgang lässt Fernreisen nicht unbedingt erwarten, doch Kerll absolvierte in Wien und Rom seine Ausbildung.

In München leitete er Hofkapelle und Oper, in Wien war er als Hoforganist, Lehrer für Tasteninstrumente und Stephansdom-Organist tätig. 15 Messen, etliche Opern und teilweise stark vom italienischen Stil beeinflusste virtuose Instrumentalstücke stammen aus seiner Feder. Nur Weniges ist erhalten, darunter seine „Toccata quinta ‚tutta de salti’ in C“, die „Passacaglia in d“ und die „Ciacona in C“ – allesamt Stücke absolut auf der Höhe seiner Zeit, die der Bad Mergentheimer Kirchenmusiker Michael Müller auf seinem Cembalo aufs schönste zum Klingen brachte.

Toccata, Passacaglia und Ciacona leiteten mystisch, melancholisch weich und rhythmisch tänzerisch von einer Rosenkranzsonate zur nächsten über. Das Instrument begleitet Müller schon lange: Während des Studiums legte er sich ein Spinett als mobiles Tasteninstrument zu, wollte aber bald mehr und verlegte sich aufs immer noch recht gut transportierbare Cembalo.

„Wehen des Heiligen Geistes“

Die Toccata hat ihren Namen vom einst bei Tasteninstrumenten oft erforderlichen sehr kräftigen Anschlag, der bei Orgeln, seinem eigentlichen Instrument, manchmal sogar mit der Faust ausgeführt werden musste. „Toccare“ heißt schlagen. Schlagen musste Müller sein Instrument nicht, um aus den vollen Harmonien starke Emotion, die das in von Moosbauer mit der 13. Rosenkranzsonate zuvor angespielte Wehen des Heiligen Geistes spüren zu lassen. Auf dem mitteltonig gestimmten Instrument mit annähernd physikalisch reinen Terzen entwickeln sich Obertonreihen, als sei Sandpapier über die Saiten geglitten – ein faszinierendes Erlebnis insbesondere in der getragenen d-moll Pasacaglia Kerlls, die auf Bibers zweite Rosenkranzsonate folgte. Faszinierend auch die Ciacona in C, die die Basso Ostinato-Qualität der lang schwingenden Cembalo-Saiten, über die J. C. Kerl heiter tänzelnde Variationen komponierte, die perfekt auf Bibers fünfte Rosenkranzsonate „Wiederauffindung im Tempel“ hinleiteten.

Bereits bei den ersten Klängen des Konzerts, das Moosmann und Müller mit der Sonata XIII in d „Ausgießung des Hl. Geistes“ eröffneten, merkte das Publikum auf. Ganz eigen schwebt, surrt, sirrt und summt der obertonreiche Klang der speziell nach Bibers Skordaturvorgaben mit Über- und Unterspannungen gestimmten Violine raumgreifend hoch in den Chor der Bergkirche. Fast zigeunernd folgt die Gavotte der eröffnenden Sonata, die in der Guigue in freudiges Entgegenatmen wechselt, um in ruhig schreitender Sarabande zu münden. Fast stockt der Atem beim Zusammenklang dieser beiden Instrumente in historischer Aufführungspraxis. Spannungsreich werden da je zwei Gesätze des freudenreichen und des glorreichen Rosenkranzes interpretiert. Aufgeregt dialogisierend erklingt in der Sonata II in A „Heimsuchung“ das zweite Gesätz des freudenreichen Rosenkranzes, in die Unendlichkeit hineinreichend die Sonata XIV in D „Mariae Aufnahme“: Unvermeidlich ein Lächeln auf die Gesichter zaubern da Aria con Variazioni und die fasziniernd verklingende Guigue, die das vierte Gesätz des Rosenkranzes interpretieren. Und dann der erleichterte Aufschrei der Mutter, die – fünftes Gesätz des Freudenreichen Rosenkranzes – ihren verloren geglaubten Sohn im Tempel wiederfindet: ein Gedicht.

Der Beifall der nur rund 30 Besucher ist brausend – ein Applausaufatmen nach einer ungemein spannenden Konzertstunde, die ein viel größeres Publikum verdient hätte. Zu viele parallel organisierte Veranstaltungen an diesem Samstag abend dürften dazu beigetragen haben, dass nur so wenige Besucher in den Genuss des exzellent aufbereiteten und hoch informativen Gesprächskonzerts kamen.