Wertheim

Kein alltägliches Treffen Hebamme Sieglinde Schneider genoss den Nachmittag mit „ihren“ Sachsenhäusern

Über 3000 Kindern auf die Welt geholfen

Archivartikel

Eine Hebamme feiert mit „ihren“ Kindern – Sieglinde Schreiner hat alle ihre Sachsenhäuser Geburten eingeladen.

Sachsenhausen. „Die sieht aus wie Oma Anna“, weiß Sieglinde Schreiner noch genau die Worte, die sie bei der ersten Geburt als Hebamme sagte. Heute hat sich das Baby von damals zu einer erwachsenen Frau entwickelt, die selbst zwei Kinder hat. Susanne Wittke, geborene Weimer, ist eines von über 3000 Kindern, denen Schreiner auf die Welt geholfen hat. Die Hebamme kennt ihre Mutter Emmy gut, denn beide leben in Sachsenhausen. Daher auch der Bezug zu Oma Anna. Von den von Schneider betreuten 2504 Geburten waren 43 Sachsenhäuser Kinder, die in Wertheim in der Klinik auf die Welt kamen.

Schreiner hatte sie alle zu einem gemeinsamen Treffen eingeladen und viele kamen, auch wenn sie mittlerweile nicht mehr im Ort leben. Seit 1979 bis 2004 war Schreiner in der gynäkologischen Abteilung tätig und half bei der Geburt und der Nachbetreuung von schwangeren Frauen.

Schritt nie bereut

Eigentlich war Sieglinde Schreiner gelernte Krankenschwester. Sie arbeitete auf einer Inneren Station und hatte deshalb viel mit dem Tod zu tun. Nach einem Schicksalsschlag in der Familie beschloss sie, noch einmal neu anzufangen. „Hebamme oder SOS-Kinderdorfmutter, diese beiden Alternativen hatte ich“. Sie entschied sich fürs Erstere und hat diesen Schritt nie bereut. Ihre Ausbildung machte sie an der Hebammenschule in Karlsruhe und kam dann zurück nach Wertheim.

Sie arbeitete da mit Chefarzt Dr. Wilhelm und Oberarzt Dr. Edrakie sehr eng zusammen. Nach deren Verrentung übernahm Dr. Noe 1996 die Geburtsabteilung. „Von da an änderte sich für die werdenden Mütter und Hebammen einiges“, erinnert sich Schreiner. „1997 fingen wir mit Wasser- und Hockerentbindungen an“.

Die Geburtshilfe wurde für die Mütter immer „einfacher“, für Schreiner aber immer beschwerlicher. Nach ihrer zweiten Bandscheibenoperation konnte sie nicht mehr als Hebamme arbeiten. Sie wurde in die Innere Notaufnahme versetzt und blieb dort bis zu ihrer vorzeitigen Rente. Sie bedauert es sehr, nicht mehr in der Geburtshilfe arbeiten zu können. „Mir hat mein Beruf immer Spaß gemacht“.

Sie sieht aber auch mit Sorge die grundsätzliche Entwicklung beim Beruf der Hebamme. Immer weniger Hebammen würden ausgebildet und arbeiten nachher in diesem Beruf, denn die Bezahlung habe sich sehr verschlechtert und die Versicherungssummen für die Haftpflichtversicherung einer Hebamme seien „fast unbezahlbar“. Mittlerweile müssten sich Eltern, die ein Kind planen, schon weit vor der Geburt eine Hebamme suchen, die sie vor, während und nach der Geburt betreut. Dabei sei die Hebamme während einer Geburt länger bei der werdenden Mutter als der Arzt. Der komme meist nur, wenn es zu Komplikationen kommt. Davon hat Schreiner in ihrem Leben zum Glück nur wenige gesehen. Doch die wenigen sind ihr alle im Gedächtnis geblieben.

Geschenke für die Hebamme

Aber das waren die Ausnahmen, so Schreiner. Viel mehr freute sie sich, dass so viele Erwachsene in die Turnhalle nach Sachsenhausen gekommen waren, denen sie als Hebamme auf die Welt geholfen hatte. Viele hatten ihre eigenen Kinder mitgebracht, alle aber ein Geschenk für „ihre“ Hebamme. Natürlich konnte sich keiner an die Geburt selbst erinnern, aber aus Erzählungen ihrer Mütter wussten sie, dass sie bei Sieglinde Schreiner in guten Händen waren. So wie Emmily Düll, das letzte Sachsenhäuser Kind, dem Schreiner auf die Welt geholfen hatte. Die 15-Jährige umarmte ihre Hebamme besonders herzlich, obwohl sie sich so bewusst noch nie gesehen hatten. Sie ist sehr gerne mit ihrer Mutter Nina gekommen. Die hatte ihr erzählt, dass die Geburt sehr unkompliziert verlaufen war und auch schnell.

Als Geschenk hatte sie ein Foto mitgebracht, dass Sieglinde Schreiner beim Baden der neugeborenen Emmily zeigt, eine halbe Stunde nach der Geburt, und eine Tonbandaufnahme, wo Schreiner davon spricht, dass Emmily wohl ihr letztes Sachsenhäuser Kind sein wird. Das war 2003.

Sie hatte viele solcher bildlicher Erinnerungen an ihrer Pinnwand. Seit dem Umzug zu ihrem Mann sind die allerdings aus Platzgründen in einen großen Karton gewandert. Doch keine Geburt ist vergessen und so wundert es nicht, dass sie heute noch viele Mütter ansprechen, wenn sie durch Wertheim läuft. Zu deren Kindern sagt sie dann: „Ich bin deine alte Hebamme“ und freut sich, wenn die Kinder sie ungläubig ansehen. Bei ihren Sachsenhäuser Kindern ist das anders. Die kennen sie alle. Ein Kind, dem sie auf die Welt geholfen hat, hat sogar in die Familie eingeheiratet. Das freut sie besonders. Am liebsten würde am immer noch als Hebamme arbeiten.