Wertheim

Convenartis Ensemble „Vocal Recall“ sorgt beim Kleinkunstverein für einen Abend voll guter Laune

Alltägliches mit Kritik gewürzt

40 Lieder bei einem zweistündigen Programm? Ja, das ist möglich, wie das Ensemble „Vocal Recall“ am Samstag im Convenartis Kleinkunstverein eindrucksvoll bewies.

Wertheim. Die vierköpfige Gruppe „Vocal Recall“ sang bei ihrem Programm „Die große Schlägerparade“ eigene Texte auf verschiedenste bekannte Melodien vom alten Kirchenlied über Klassik und Schlager bis zum Popsong. Dabei rissen die vier Berliner Künstler mit ihrer Sicht auf aktuelle Themen die kleine, aber um so begeistertere Zuhörerschaft mit.

„Atemlos“ von Helene Fischer war wohl der Song, der von der Jazzsängerin Alice Köfer in ihren glitzernden Kleidern, dem Poetry-Slammer Dieter Behrens, dem Opernsänger Bernhard Leube und dem Pianisten Martin Rosengarten am häufigsten mit Zeilen eingebaut wurden. Doch auch die Carmina Burana oder „Uptown girl“ wurden einbezogen. Letzteres wurde verfremdet zu „Abtauen, girl“, das inhaltlich von Tipps für die Reparatur des Kühlschranks bis zum Hinweis auf die Erderwärmung und das Gletscherschmelzen reicht.

Nicht in Schubladen denken

Und damit hat man das Erfolgskonzept der quirligen Band: Alltägliches mit gesellschaftskritischen Anmerkungen zu verbinden und dabei gute Laune zu verbreiten. „Denkt nicht in Schubladen“ ist daher auch der erste Hinweis, den die Künstler ihrer Zuhörerschaft geben.

Denn geschickt pendelt „Vocal Recall“ zwischen Unterhaltung und Kabarett, zwischen stimmgewaltigem Operngesang und Klamauk. Zwischendurch schiebt Behrens ein Gedicht ein, bei dem man kurz um die Ecke denken muss, etwa, wenn er erklärt, dass „In Tauberbischofsheim die Beichte lauter sein muss“. „Freude schöner Götterfunken“ und Herbert Grönemeyers „Gebt den Kindern das Kommando“ waren zwei der Melodien, die zur Kritik am nie fertig werdenden Berliner Großflughafen dienten. Die Bahn mit ihrem Denglisch kam auch nicht viel besser weg. Und die Wohnungsnot wird zu den Zeilen „Lebt denn der alte Hausmeister noch?“ thematisiert.

Zwischendurch ging es um allzu Menschliches, das jeder kennt, etwa, dass es einem überall zieht oder dass man seine Steuer machen muss. Spätestens hier fühlt jeder mit den Musikern mit, die beweisen müssen, dass eine elektrische Zahnbürste tatsächlich eine „tourbedingte Ausgabe“ ist. Kurzerhand wird sie einfach auf der Bühne verwendet und die Zuschauer in die Pflicht genommen, dies gegebenenfalls gegenüber dem Finanzamt zu bezeugen.

Überhaupt werden die Besucher immer wieder angesprochen und mit eingebunden, bringen Zwischenrufe und singen an einigen Stellen mit.

Mit dem Genre ins Gericht

Auch mit ihrem eigenen Genre, der Musik, gehen die Künstler ins Gericht, etwa, wenn sie die „Scheißmusik“ anprangern, die für Klingeltöne, Computerspiele und Hintergrundmusik verwendet wird und dazu dient, die zwischenmenschliche Kommunikation zu ersetzen. Oder wenn der Pianist als Solo „Für Elise“ anbringt, das Standardstück, das man nicht mehr hören kann.

Manchmal wird es einfach klamaukhaft, etwa, als die Bühnendarsteller zu Zombies mutieren oder Tiergeräusche erraten lassen. Momente, um ohne großes Nachdenken einfach zu schmunzeln.

Liederwünsche

Bei den Zugaben dürfen sich die Zuhörer Lieder wünschen. Gut, dass treue Fans im Publikum sitzen, die die Band dazu bringen, noch Stücke wie „Wenn ich Kunde bei Daimler wär“ zum Besten zu geben. Fazit: Was es genau war, wie man die Band in irgendwelche Genres einordnen kann, ist eigentlich völlig egal. Fest steht, sie haben für einen Abend voll guter Laune gesorgt, in dem man sich immer wieder selbst entdecken und sich bestens amüsieren konnte – jenseits aller Schubladen.