Wertheim

Lesung Wolf Wiechert stellt seinen neuen Roman im Atelier Schwab vor / Musikalische Begleitung von seinem langjährigen Freund Alexander Wolf

Autor präsentiert eine „kontrollierte Spekulation“

Wertheim.Nach mehreren Gedichtbänden hat der Wertheimer Autor Wolf Wiechert am Sonntagabend im Atelier Schwab mit „Rosa“ sein neustes Werk, einen Roman, vorgestellt.

Eine „kontrollierte Spekulation“ nennt Wolf Wiechert sein neuestes Werk, in das auch autobiografische Gegebenheiten einflossen. So floh Wiecherts Familie ebenso wie die Romanfigur Rosa Puppke aus Ostpreußen und lebte jahrelang in der DDR. Als Vorbild diente das eigene Kindermädchen und ihre Geschichte. Dabei kommen Fiktion und Wirklichkeit sich immer sehr nahe. Der in diesem Jahr 80 gewordene Autor hat also quasi ein neues Genre geschaffen mit seinem Werk „Rosa“

. Im Atelier Schwab las er Auszüge aus dem Buch und hielt mit seiner fesselnden Sprache die über 50 Besucher bei der Stange. Immer wieder erzählte er Hintergründe und wahre Begebenheiten, die im Buch verarbeitet sind und nahm Bezug auf die Fotografien, die das Geschriebene am Buchende ergänzen. Johannes Schwab führte in den Abend ein. Bereits zum dritten Mal konnte Schwab den Wertheimer Autor begrüßen. „Er gehört praktisch schon zum Inventar“. Zusammen mit Alexander Wolf am Keybord wurde es ein sehr unterhaltsamer Abend.

Wolf hatte passende Lieder zu den Textpassagen ausgewählt, von modern bis zurück ins 18. Jahrhundert. Soweit zurück geht letztlich die Geschichte um das Kindermädchen Rosa Puppke, auch wenn sie mit ihrem Tod im Jahr 1990 in einem Seniorenheim in der DDR und der Beerdigung beginnt. Fast 20 Jahre hat Wiechert an dem Buch gearbeitet und immer wieder gefeilt und alte Ideen verworfen. Herausgekommen ist ein Buch, das man gelesen haben muss. Bereits von der ersten Zeile an nimmt der Autor den Leser mit auf eine Reise von der Gegenwart in die Vergangenheit.

Kindheit im Waisenhaus

Die Hauptfigur Veit Sommerfeld macht sich zur Beerdigung seines Kindermädchens Rosa in die noch existierende DDR. Rosa ist in einem Waisenhaus in Ostpreußen groß geworden und lebte lange in einfachen Verhältnissen. Das 20. Jahrhundert hat in ihr tiefe Spuren hinterlassen: Kaiserreich, Republik, Diktatur, Kriegswirren und Flucht werden zum inneren Kompass dieser lebensklugen und selbstbewussten Frau. Für Veith war sie in seinen Kindertagen die wichtigste Bezugsperson. So versteht es sich von selbst, dass die beiden zeitlebens miteinander in Kontakt bleiben.

Am Grab stehend irritiert ihn vor allem, dass ein Unbekannter sein Innehalten stört. Noch ahnt Sommerfeld nicht, dass Rosas Ende zwischen den beiden Männern ein freundschaftliches Band knüpfen wird. Malte Kenan von Rauttin treiben Kindheitserinnerungen um, in denen auch Frau Puppke eine wichtige Rolle zu spielen scheint. Er sucht Antworten auf drängende Fragen und hofft auf Sommerfelds Hilfe.

Gemeinsam unternehmen die beiden eine Entdeckungsreise in Rosas Vergangenheit. Gespräche, Briefe, Orte, Bilder, Erinnerungen, Besuche und Gebäude helfen, Puzzleteile zusammenzufügen. Eine Jagdtasche mit Erbstücken von Rauttins Vater spielt dabei eine große Rolle. Darin enthalten ist eine alte Dienstellungsrechnung und mehrere Bücher, die Näheres über die Herkunft von Rosa Puppke verraten. Geschickt versteht es der Autor, Literatur, Wirklichkeit und Fiktion miteinander zu verknüpfen.

„Spinnerei“ nennt Veiths Frau Maja im Verlauf des Projektes mehrmals die Nachforschungen der beiden Herren. Ihr Mann verweist jedoch nicht selten auf die kleinen und großen Erfolge der „kontrollierten Spekulation“, des Versuchs, Licht ins Dunkel zu bringen. Am Ende steht die Schlussfolgerung: So könnte es gewesen sein!

Natürlich verriet der Autor nicht das Ende der Geschichte, als noch ganz andere Werte galten und das niedere Volk in Knechtschaft lebte. Dies alles wird im Buch ausführlich dargestellt. In Anschluss an die Lesung merkte man, dass der Autor Appetit gemacht hatte, denn er musste viele Bücher signieren. Danach blieb Zeit, sich mit den Hintergründen und der Entstehungsgeschichte des Werkes zu beschäftigen. „Was gibt es an so einem regnerischen Tag besseres, als sich mit Literatur zu beschäftigen“, hatte Johannes Schwab am Anfang eingeladen und die Besucher taten dies ausführlich.