Wertheim

Wertheimer Historie Der jüdische Friedhof in Wertheim wurde von Otto Langguth vor der Zerstörung während des Zweiten Weltkriegs gerettet

Befehl zur Räumung war schon erteilt

Die Rettung des bedrohten Wertheimer Judenfriedhofs in den Kriegsjahren 1943/44 war für Otto Langguth eine Herzensangelegenheit mit vielen Hindernissen versehen.

Wertheim. Der alte, bis ins frühe 15. Jahrhundert zurückreichende Wertheimer jüdische Friedhof gilt als Kulturdenkmal ersten Ranges. In seiner wechselvollen Geschichte hat er mehrmals Stürme zu überstehen gehabt.

Wie Bezirks-Rabbiner Leopold Löwenstein in seinem 1907 vor dem Historischen Verein gehaltenen Vortrag „Licht- und Schattenseiten aus der Geschichte der Juden in Wertheim“ berichtete, hatte bereits 1628 die jüdische Gemeinde in einer Eingabe darüber geklagt, dass „so uhralte und newe Grabstein in Stückh zerschmissen, hin und wieder geworfen, das(s) einem, den es angehet, das Hertz weinen möchte“.

Die schwerste Gefahr, die der gänzlichen Vernichtung, aber drohte dem jüdischen Begräbnis in den Jahren des Zweiten Weltkrieges unter der Nazidiktatur. Allein dem Einsatz von Otto Langguth ist es zu verdanken, dass das sinnlose Vorhaben gebremst und schließlich verhindert wurde. Aus seiner gesammelten Korrespondenz, die über jene unglaublichen Vorgänge Auskunft gibt, soll im Folgenden berichtet werden.

Noch hatte beruhigend geklungen, was er am 16. März 1939 an den jüdischen Historiker Berthold Rosenthal in Mannheim schrieb: „Kürzlich war ich beim Werth. Bürgermeister, um zu erfahren, was mit dem jüd. Friedhof geplant ist. Er hat die Absicht, die alten Grabsteine zu erhalten und zu pflegen, auch die im Boden liegenden wieder aufzurichten. Das Ganze soll zu einer schönen Anlage umgestaltet werden. Mir wäre der alte Zustand lieber gewesen. Es scheint, daß die jüd. Gemeinde noch nicht ganz einverstanden ist“.

Wenn es mit diesem Vorhaben ernst gemeint gewesen sein sollte, so war der Kriegsausbruch ein halbes Jahr später Anlass genug, es nicht weiter zu verfolgen. Umso erstaunlicher mutet an, dass im Sommer 1943 das inzwischen in Tauberbischofsheim zuständige Landratsamt in der Sache tätig werden zu müssen glaubte.

An seinen Forscherkollegen

An seinen Forscherkollegen Dr. Friedrich Wecken, der von 1906-1910 das fürstlich Löwenstein-Wertheim-Freudenbergsche Archiv betreute, berichtete Otto Langguth am 16. August 1943 nach Dresden: „Heute erfuhr ich auf dem Rathaus, dass auf Geheiß des Landrats in Tauberbischofsheim der Judenfriedhof von allen Grabsteinen geräumt werden und dann der Stadt verkauft werden soll. Also auch die Grabsteine in goth(ischen) Stil – wohl um 1450 anfangend – sollen zerstört werden. Damit gehen wichtige Urkunden für die Erforschung der jüdischen Geschichte verloren. Ob das Reichssippenamt in Berlin davon weiß? In 20 Jahren denkt man vielleicht, der Herr Landrat habe da einen rechten Blödsinn ausgeheckt; aber dann wird’s zu spät sein. Können Sie in dieser Frage irgendetwas veranlassen?“

Vier Tage darauf verständigte Friedrich Wecken den Direktor des Reichssippenamtes Dr. Kurt Mayer. Der (Wertheimer) Judenfriedhof wird jetzt auf Anordnung des Landrates in Tauberbischofsheim von allen Grabsteinen geräumt und soll an die Stadt verkauft und die alten Denkmäler vernichtet werden, wie wohl überhaupt im ganzen Land. Ist es nicht doch bedauerlich, dass damit für die Judengeschichte wichtige Unterlagen verloren gehen, da wir Sippenforscher ja wissen, dass gerade die Grabsteine der Juden in viel höherem Maße als die der christlichen Konfessionen einen Ersatz für die nicht geführten Matrikeln darstellen? … Jedenfalls möchte mindestens erreicht werden, dass die Steine vor ihrer Vernichtung oder anderen Verwendung fotografiert werden.

Zusätzlich hatte sich Otto Langguth am 16. August an das Landesdenkmalamt Karlsruhe gewandt. Dass dieses den im vorgesetzten Kultus- und Unterrichtsministerium maßgeblichen Ministerialrat Dr. Karl Asal (damals in Straßburg) verständigte, sollte sich als zusätzlicher Glücksfall erweisen, war Asal doch Mitglied des Historischen Vereins „Alt-Wertheim“ und mit Otto Langguth altbekannt.

Außerdem schaltete das Denkmalamt am 19. August eine weitere Spitzenbehörde, das „Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands“ in Berlin ein: „Wie uns heute mitgeteilt wird, beabsichtigt die Stadt Wertheim den Judenfriedhof auf der Eichelsteige käuflich zu erwerben und von seinen Grabsteinen zu räumen… Wie die Stadt uns mitteilt, ist beabsichtigt, die Grabsteine zu verkaufen… Die Stadt Wertheim ihrerseits will uns von dem Abschluss der Kaufverhandlungen in Kenntnis setzen, damit uns Gelegenheit gegeben ist, an Ort und Stelle zu bestimmen, welche Grabsteine vielleicht sichergestellt werden könnten… Wegen etwaiger fotografischer Aufnahmen wird sicherlich der dortige Sippenforscher Langguth Ihnen behilflich sein.“

Das „Reichsinstitut“, das es als eine seiner Aufgaben ansah, die Grabschriften der Judenfriedhöfe im ganzen deutschen Reichsgebiet fotografisch aufnehmen zu lassen, bat schon am 26. August Otto Langguth, die ungefähre Zahl der Wertheimer Grabsteine zu erfassen und von einer Fotografenfirma einen Kostenvoranschlag der Aufnahmen einzureichen, die von folgenden Steinen zu fertigen seien: 1) alle Grabsteine aus der Zeit vor 1815; 2) aus späterer Zeit alle Grabsteine mit nur hebräischer und mit doppelter hebräischer und deutscher Beschriftung; 3) alle Grabinschriften, welche wegen des betreffenden Juden oder für die allgemeine Kenntnis des Judentums aufschlussreicher Angaben besonders wertvoll sind.

Dass angesichts des verwahrlosten und verwilderten Zustandes des Judenfriedhofs diese Arbeiten sich mitten im Krieg, wo blanker Mangel an Arbeitskräften herrschte, nur schwer durchführen ließen, hat Otto Langguth am 2. September dem „Reichsinstitut“ begreiflich gemacht: Mir würde es … ratsamer erscheinen, jetzt im Krieg solche Arbeiten zurückzustellen; es würde ja genügen, den Friedhof unter Denkmals-Schutz zu stellen… Der Befehl zur Räumung von den Grabsteinen geht vom Landrat in Tauberbischofsheim aus; dieser könnte wohl veranlasst werden, von dieser Bedingung abzusehen und den Friedhof kurzerhand der Stadt Wertheim zu überlassen.

Am gleichen Tag schaltete er auch das Landesdenkmalamt wieder ein: „Ich verstehe den Befehl des Landrats in Tauberbischofsheim überhaupt nicht, wieso die Grabsteine absolut entfernt werden sollen. Was geht das denn den Landrat an ? Das Alter vieler Grabsteine kann solange mit ziemlicher Sicherheit bestimmt werden, als sie noch an ihrer ursprünglichen Stelle stehen. Gewisse Gruppen gehören schon nach der Anlage des Friedhofs so ziemlich in die gleiche Zeit. Es stecken aber noch viele alte Platten unter dem Erdreich, die bei einer früheren Judenverfolgung … schon umgeworfen wurden. Diese sind jetzt als Lücken im Feld leicht zu finden. Ist der Friedhof „geräumt“, so fallen die Lücken nicht mehr auf.

Es wäre Ihnen sicher ein Leichtes, zunächst diese Judenfriedhöfe unter Denkmals-Schutz zu stellen… Sicher ist, dass die z. T. uralten Grabsteine Zeugen der Kunst christlicher Steinmetzen sind, also Bildwerke, die uns Deutsche direkt etwas angehen; wir wären ja Narren, wenn wir dazu die Hand bieten wollten, diese Steine zu vernichten.“

Langguth verwies zudem auf die Zeit nach dem Krieg; dann werde sich manche Aufregung gesetzt haben und mancher wird wieder vernünftig auch über diese Dinge mit sich reden lassen.

Da vom Landesdenkmal keine Reaktion erfolgte, wandte sich Otto Langguth am 12. Oktober unmittelbar an Ministerialrat Dr. Asal. Und er konnte ihm eine überraschende Mitteilung machen. Denn inzwischen hatte sich, vom Reichssippenamt aufmerksam gemacht, das „Institut (der NSDAP) zur Erforschung der Judenfrage“, eine Frankfurter Außenstelle der sogenannten „Hohen Schule“, gemeldet und zwecks fotografischer Aufnahmen die Leiterin ihrer Bildsammelstelle nach Kreuzwertheim und Wertheim geschickt. Diese konnte trotz der widrigen Verhältnisse etwa 40 der alten Grabsteine aufnehmen. Im Frühjahr 1944 sollten Aufnahmen möglichst aller Grabsteine folgen.

Stadt zeigte keine Lust

Bis dahin hätten allerdings die umgeworfenen Steine gehoben, andere von Moos und Efeu gereinigt werden müssen, ein Kostenaufwand, für den, wie Langguth an Asal weitere berichtete, aufzukommen die Stadt keine Lust zeigt; später wird aber einmal der Tag kommen, wo man sich an den Kopf greift und nicht verstehen wird, wieso es nötig war, diesen Bergfriedhof zu ruinieren, der höchstens als Waldstück, wie jetzt ohnehin, verwertet werden kann.

Daraufhin veranlasste Dr. Asal, dass das Ministerium für Kultus und Unterricht am 21. Oktober folgende Verfügung an den Landrat in Tauberbischofsheim erließ: „Die amtliche Denkmalpflege und das Institut für Erforschung der Judenfrage in Frankfurt a. M. nehmen Interesse an der Erhaltung des alten Judenfriedhofs in Wertheim a. M. Ich ersuche, im Benehmen mit dem Bürgermeisteramt Wertheim sicherzustellen, dass an den Grabsteinen keine Zerstörungen oder Beschädigungen vorgenommen werden und der Friedhof vorerst in seinem bisherigen Erscheinungsbild erhalten bleibt.“

Riegel vorgeschoben

Damit war der geplanten Zerstörung und – wie es früher einmal geheißen hatte – der hier vorgesehenen Errichtung eines „Volksparks“ endlich der Riegel vorgeschoben. Mit einem weiteren Erlass des Kultusministeriums vom 8. Dezember erhielt das Landesdenkmalamt Auftrag, den Friedhof im Einvernehmen mit Langguth freilegen zu lassen. Die Kosten würde die Staatskasse übernehmen. Im Gegenzug wünschte das Denkmalamt je einen Abzug aller im Frühjahr vorgesehenen Grabsteinaufnahmen für das Denkmalarchiv.

Auch Otto Langguth hatte sich Fotoabzüge der in gemeinsamer Aktion erfassten etwa 40 Grabsteine erbeten. Ebenso von dem abgelichteten, von den Nazis bereits verwüsteten, oberen Teil des Friedhofes. Unerwartete Probleme warfen allerdings ein Hindernis nach dem anderen auf.

Zunächst fehlte es an Fachkräften, die Filme überhaupt entwickeln zu lassen. Anfang Januar 1944 musste wegen der sich häufenden Luftangriffe das Frankfurter Institut ins oberhessische Hungen ausgelagert werden, wo die Bildsammelstelle in der Volksschule unterkam. Sämtliche Filme waren inzwischen zwar entwickelt, jedoch weder gesichtet noch auf Verwendbarkeit untersucht.

Immerhin erhielt Langguth im Februar Kontaktabzüge zugesandt, um eine Auswahl für Vergrößerungen zu treffen. Zugleich aber wurde mitgeteilt, dass die fotografische Aufnahme der Judenfriedhöfe vorerst zurückgestellt würde und speziell die des Wertheimer Friedhofes im Frühjahr wohl ausgesetzt bliebe. Schließlich teilte die Bildstelle auf weitere Nachfrage am 4. September 1944 mit, die Filme seien zum Vergrößern ausgegeben gewesen, jedoch dem Terrorangriff vom 22. März zum Opfer gefallen. Von den übrig gebliebenen Kontaktabzügen könnten nur zur Not Reproduktionen hergestellt werden. Aber auch diesem Wagnis wolle man sie nicht aussetzen, denn damit wäre die ganze Arbeit restlos vernichtet.

Die Rettung der jüdischen Begräbnissstätten, deren Bestand unfasslich bedroht gewesen war, hatte indessen ihr Ziel erreicht. Der Friedhof überdauerte das Dritte Reich, seine zeitlose Fortdauer blieb erhalten.