Wertheim

Leserbrief Zu „Erneute Panne beim Abitur“ (FN, 16. Mai)

„Das ist eine Frechheit!“

Archivartikel

Es ist Mittwoch, 15. Mai, 12 Uhr. In meinem Gemeinschaftskunde-Leistungskurs erhalten wir Besuch von unserem Schulleiter Reinhard Lieb. Zusammen mit Herrn Dr. Weinmann, unserem Fachlehrer, betritt er den Raum und fordert unsere gesamte Aufmerksamkeit.

Was danach folgt, überraschte uns sehr: Alle Schüler, die im Fach Gemeinschaftskunde die Abiturprüfung geschrieben haben, durften die Prüfung wiederholen. Aber warum das Ganze? Grund dafür war der Begriff „Kategorienmodell“, welcher in einer Aufgabe der Prüfung aufgeführt wurde. In unserem Kurs kannte keiner der Prüflinge diesen Begriff. Und scheinbar war dies auch an fast allen Gymnasien in Baden-Württemberg der Fall.

Diese Unkenntnis hatte zur Folge, dass einige Schüler – mich eingeschlossen – das Alternativthemengebiet wählen mussten. Nach der Prüfung gerieten deshalb viele in Panik und suchten im Internet nach diesem Begriff. Und siehe da: Man fand außer einer schriftlichen Arbeit eines Professors keinerlei Ergebnisse mit Bezug auf die internationale Politik. Wer ist aber nun dafür verantwortlich? Das Kultusministerium scheint den Sündenbock schnell gefunden zu haben: die Lehrer. Aber ist es nicht ein wenig bedenklich, wenn in ganz Baden-Württemberg ein Großteil der Lehrer den Begriff nicht unterrichtete und er eigentlich aus der Linguistik stammt? Natürlich steht der Begriff im Lehrplan, jedoch lässt sich für mich und viele andere keine schlüssige Verbindung zur internationalen Politik finden. Hätte es ein „Theorienmodell“ nicht auch getan, liebes Kultusministerium?

Doch das Ärgerlichste kommt erst noch. Nach dem ganzen Prüfungsstress kommt noch hinzu, dass an jenem Mittwoch, 15. Mai, Herr Lieb im Auftrag des Kultusministeriums die Möglichkeit anbot, am Freitag, 17. Mai, die Abiturprüfung im Fach Gemeinschaftskunde nachzuschreiben. Anders als es Peter Reinhardt in seinem Artikel „Erneute Panne beim Abitur“ vom 16. Mai beschreibt, wurde uns erklärt, dass jeder Schüler, der die Prüfung belegt habe, dazu berechtigt sei, sie nachzuholen. Und das alles unabhängig davon, welches Themengebiet gewählt wurde.

Das bedeutet folglich, dass auch Schüler, die von diesem Dilemma eigentlich gar nicht betroffen waren, die Möglichkeit erhielten, die Prüfung nachzuschreiben.

Unabhängig davon, ob wir die Prüfung nachschreiben wollten, wurde von uns verlangt, innerhalb von 24 Stunden eine Entscheidung zu treffen, um dann – einen Tag später – die Prüfung ohne wirkliche Vorbereitungszeit nachzuschreiben.

Bei der ganzen Sache gab es einen riesigen Haken: Auch die Schüler, die auf die Nachprüfung verzichteten, mussten unterschreiben, dass sie im Nachhinein keinen Nachteil bezüglich des unbekannten Begriffs geltend machen dürfen. Letztendlich wurden uns hier also unsere Rechte verwehrt, nur weil es ein ganzes Komitee nicht hinbekommt, sich Gedanken über die Herkunft, Verbreitung und Geläufigkeit des Begriffs in der internationalen Politik zu machen. Das ist wirklich eine Frechheit. Ja es kommt einem gerade so vor, also wollten die Verantwortlichen die Schuld auf andere schieben, um sich selbst dadurch aus der Schlinge zu ziehen. In der Öffentlichkeit werden nun die Lehrer als Sündenböcke präsentiert.

Dabei sind es doch gerade die Lehrer und vor allem die Schüler, die dadurch stark belastet werden. Die Frage, die in meinem Kurs aufkam, als wir von dem Dilemma erfuhren, war: „Geht’s eigentlich noch?“. Und ehrlich gesagt stellen die Schüler und auch die Lehrer sich diese Frage völlig zurecht. Wie kann so etwas passieren? Ich sehe die Schuld definitiv nicht bei den Lehrkräften.