Wertheim

Dem Stern des Friedens folgen

Archivartikel

Noch liegt das neue Jahr weitgehend unbekannt vor uns. Da ist es wichtig und zielführend, meine eigene Position zu bestimmen und wie bei einer Wanderung mich des Weges zu vergewissern, auf dem ich unterwegs bin. Der Wanderer hat dazu eine Wanderkarte, auf der neben den Wegen auch wichtige Landmarken zur besseren Orientierung eingetragen sind. Und wenn es in unwegsamem Gelände mal querfeldein gehen muss, hilft ein Kompass weiter oder heutzutage im Zeitalter der Digitalisierung die GPS-Koordinaten oder gar eine Fußgänger-App, die mich sicher führt. So weiß ich genau, wo ich bin und welchen Weg ich einschlagen muss, um mein Ziel zu erreichen. Und auch wenn ich mich mal verlaufen haben sollte, kann ich mich damit leicht wieder zurechtfinden und einen passenden Ausweg einschlagen.

Auf dem Weg durchs Leben ist das aber nicht ganz so einfach. Da kommen gleich mehrere unbekannte Faktoren zusammen, die erst ganz am Schluss über richtig und falsch entscheiden: Persönlichen Interessen, Fähigkeiten und Kenntnisse, unterschiedliche berufliche und private Herausforderungen wie die Gesundheit oder gesellschaftliche Umstände, die über die nächsten Schritte meines Lebensweges mit entscheiden. Mobilität und Flexibilität sind immer gefordert. Ständig muss man sich anpassen – und das nicht nur in der Arbeitswelt. Wie soll man sich da noch zurechtfinden?

Im Matthäusevangelium wird von den Weisen aus dem Morgenland berichtet, die sich auf die Suche nach dem neugeborenen König der Juden machen. Dabei haben sie sich auf ihrer weiten Reise von einem Stern leiten lassen, der ihnen die Richtung gezeigt hat. Und dann haben sie sich in Jerusalem weiter erkundigt und miteinander beraten, um ans richtige Ziel zu kommen. Schließlich sind sie in der Klein-stadt Bethlehem fündig geworden, um dem menschgewordenen Gottessohn in der Krippe zu huldigen.

Welchem Stern folge ich nach? Woran orientiere ich mich in meinem Leben? Ist es der Erfolg, Ansehen, Macht oder ein gut gefülltes Konto? Aber wozu? Die Jahreslosung für 2019 aus Psalm 34,15 nennt uns eine andere Zielperspektive: „Suche den Frieden und jage ihm nach!“

Das ist aber weder eine eindeutige Ortsangabe noch ein objektiv messbarer Zustand, sondern ein Zielkorridor, dem eine innere Haltung und eine beständige Aufforderung zum Handeln entspricht: Sehe ich im Leben nur meinen eigenen Vorteil oder bin ich auf einen sinnvollen Ausgleich der Interessen bedacht? Lasse ich dem anderen die gleichen Chancen und Spielräume wie mir? Der Kompromiss, der kleine Bruder des Friedens, wird oft schlechtgeredet. Zugegeben, das ist nicht immer einfach und manchmal auch mühsam, aber es dient einem ganz und gar lohnenden Ziel: dem friedvollen Miteinander. Dafür lohnt sich jede Anstrengung und jedes Gespräch im Kleinen des Zusammenlebens, in der Familie oder unter Freunden, ebenso wie in der großen Politik: Peace first!

Das ist der Stern, dem ich gerne im neuen Jahr folgen will und ich bin zuversichtlich, dass er mich und Sie weiterführen wird, egal, wo und wie wir gerade unterwegs sind. Wenn am Montag für viele nach den Feiertagen die Routine des Alltags wieder beginnen wird, dann vertrauen wir Christen darauf, dass der weihnachtliche Glanz des menschgewordenen Gottes uns weiter begleiten wird und uns immer wieder zur engagierten Friedenssuche motiviert.

Hayo Büsing, Dekan im Kirchenbezirk Wertheim