Wertheim

„Fairtrade-Town“ Veranstaltung des Frauenvereins / Wertheim erhält am 20. Mai Zertifizierung

„Der Anfang ist gemacht“

Wertheim.„Fairtrade-Town“ geht weiter – Marlise Teicke, die Initiatorin der Zertifizierung für Wertheim, zeigte am Mittwochabend in den Räumlichkeiten des Frauenvereins die Entwicklung seit Mai 2017 (wir berichteten). Sie stellte fest, dass die Verbraucher wissen möchten, was „Fairtrade“ ist. Die Angebote in Discountern zeigten ihr, dass große Nachfrage nach „Fairtrade“-Produkten, vor allem Kaffee, bestehe. Die Verbraucher spürten, „dass es so nicht weitergehen kann“.

Zur „Fairtrade-Town“-Zertifizierung hatte im April ein Vortrag im Arkadensaal zum Klimaschutz stattgefunden. Jetzt erhält die Stadt Wertheim am 20. Mai von Manfred Holz, Ehrenbotschafter der „Transfair“-Dachorganisation in Köln-Sülz, das Zertifikat „Fairtrade-Town“. Die Beteiligten sind sich einig, dass für eine ökologische, gerechte Welt die Verbindung zwischen dem Verbraucher und dem Produzenten gestärkt werden muss. „Fairtrade“ verbessere die Situation von armen Kleinbauern in Entwicklungsländern, welche Nahrungsmittel für den wohlhabenderen Teil der Welt herstellen.

Arbeit geht weiter

Laut Teicke ist mit der Zertifizierung allerdings „noch nicht der Großteil der Arbeit geschafft, sondern erst ein Anfang gemacht“. In den nächsten zwei Jahren müssten weitere Einzelhändler, Gastronomen, Unternehmen, Schulen und Vereine in Wertheim dazu kommen. Ziel sei, mehr fair gehandelte Produkte anzubieten sowie auf Veranstaltungen und in Büros ein Angebot mit Infos zu schaffen, das dem Verbraucher „Fairtrade“ nahe bringt. Die Frage nach Räumlichkeiten seitens der Stadt entwickelte sich zu einer brennenden Diskussion auch zwischen den Zuhörern. Hier wurde das Engagement der Kirche aufgezeigt, in deren Räumen sich der einzige Dritte-Welt-Laden Wertheims derzeit befindet.

Zentrale Informationsstelle

Die Anwesenden waren sich einig, dass in dieser Art eine zentrale Informationsstelle, auch für auswärtige Besucher, existieren müsse. Anschließend informierten Nora Sachs-Rippler und Bettina Kempf von der Steuerungsgruppe über die grundlegenden Ziele und Funktionsweisen von „Fairtrade“.

Es wurde gefragt, wie es den armen Kleinbauern in den Entwicklungsländern in Afrika oder Südamerika tatsächlich ergeht. Wie viel Geld oder welche Sachleistungen sie erhalten, ob auch der Schulbesuch ermöglicht wird. Das Interesse ging oft bis ins Detail. Die Steuerungsgruppe konnte dazu neue Entwicklungen aufzeigen. So arbeite die „Fairtrade“-Organisation gerade daran, die Wertschöpfung in den Entwicklungsländern weiter zu erhöhen. So seien dort bereits die ersten Röstereien entstanden.

Rede und Antwort gestanden

Ilse Fürnkranz-Deroua stand Rede und Antwort zu diesem eigentlichen Kernpunkt der „Fairtrade“-Entwicklung. Die studierte Agrarwissenschaftlerin half 20 Jahre in Mosambik, den Kleinbauern dort ein Einkommen zu sichern.

Mit eindringlichen Worten und Gesten ganz ohne Bildmaterial vermittelte Fürnkranz-Deroua auf Anfrage den täglichen Überlebenskampf der Subsistenz-Bauern in den Entwicklungsländern. Nicht vorstellbar sei für viele Menschen in Deutschland, dass diese gerade genug Bohnen oder Maniok anbauen können, damit die eigene Familie genug zu Essen hat. Sogenannte „Cash-Crops“, Anbauprodukte für den internationalen Markt wie Kaffee oder Erdnüsse, konkurrieren laut Fürnkranz-Deroua mit diesen existenziellen Nahrungsmitteln. Sie seien jedoch der einzige Weg aus der Armut, bringen Geld für wichtige Anschaffungen oder den Schulbesuch.

Fair gehandelte „Cash-Crops“ schützten die Kleinbauern, so die Referentin. Die beteiligten Organisationen stellten sicher, dass Genossenschaften mit demokratischen Strukturen entstehen. „Fairtrade“ sorgte dafür, dass „keiner Boss auf ewig ist und alle Mittel für sich nimmt“.

Klimaschutz

Fürnkranz-Deroua und Teicke machten deutlich, dass das Überleben und die Anbaumethoden von Kleinbauern in Entwicklungsländern direkt mit dem Klimaschutz zusammenhängen. Zurück zur „Fairtrade-Town“ Wertheim schlugen sie den Bogen zu den Genossenschaften in den Entwicklungsländern. „Diese sind vom Prinzip wie Raiffeisen hier früher.“ Teicke empfahl für den Umweltschutz, dass jeder Wertheimer Verbraucher über das „Fairtrade“-Zertifikat hinaus selber etwas tun kann. Sie zeigte die vielfältigen, ökologischen Kleinproduzenten, unter anderem Wein- und Biobauern, in der Region auf und empfahl, nach Möglichkeit regionale Produkte ohne lange Lieferwege zu kaufen. jam