Wertheim

Ahnenforschung Der Australier Paul Kachel ist in der Region auf den Spuren seiner Vorfahren unterwegs / Mögliche Verwandte kennengelernt

„Die Ohren waren gleich verdächtig“

Archivartikel

Woher kamen seine Urgroßeltern, wie sah ihre Heimat aus und gibt es noch Verwandte? Antworten auf diese Fragen erhielt der Australier Paul Kachel bei seinem Besuch in der Main-Tauber-Stadt.

Wertheim. Für die Geschichte seiner Familie interessiert er sich schon lange, sagt Paul Kachel bei einem Treffen im Gasthaus „Schwan“ in Wertheim. Wenn er seine Großeltern danach gefragt hat, erzählten sie ihm, dass die Vorfahren einst von Deutschland nach Australien ausgewandert sind. Als der Krankenpfleger, der auch über eine Hebammenausbildung verfügt und in den letzten Jahren seines Arbeitslebens in der Verwaltung eines großen Universitätskrankenhauses tätig war, in Rente ging, begann er mit Nachforschungen über seine Ahnen.

Unterstützt wird er dabei von seinem Lebenspartner Poul Sletter. Der hat dänische Wurzeln. Oft, fast sogar jährlich, sind sie im hohen Norden bei dessen Familie zu Besuch. In Australien leben sie in der Stadt Gold Coast an der Südostküste von Queensland, rund eine Flugstunde nördlich von Sidney entfernt.

„Ausgangspunkt“ für die Suche nach seinen Ahnen ist für Paul Kachel die Auswanderung seiner Urgroßeltern. Johann Thomas Kachel, geboren am 22. Dezember 1832 in Dertingen (gestorben 1915), und seine Frau Christina Maria, geborene Englert, die am 27. Juli 1837 in Kembach das Licht der Welt erblickt hat und 1906 gestorben ist, kamen 1858 mit dem Schiff in Sidney an. Zwei Monate später, im Dezember, heirateten sie und zogen 600 bis 700 Kilometer weiter nach Nordwesten. Dort arbeitete und lebte das Paar gemeinsam mit wenigen Leuten die nächsten 60 Jahre auf einer Farm. „Das kann man sich kaum vorstellen“, findet ihr 70-jähriger Nachfahre.

Wie Kachels Recherchen ergeben haben, befanden sich damals rund 174 deutsche Auswanderer auf dem Schiff. Unklar sei, ob sich seine Urgroßeltern bei der Abreise schon kannten oder erst unterwegs zueinander gefunden haben. Mit an Bord war außerdem der Bruder von Johann Thomas Kachel. Was aus ihm in Australien geworden ist, weiß der Hobby-Ahnenforscher allerdings nicht.

Christina Maria Kachel und ihr Mann hatten vier Söhne und drei Töchter. Die Zahl der Nachfahren der beiden deutschen Auswanderer wuchs mit der Zeit in Australien ebenso an wie die der Nachkommen der beiden Familienzweige in der alten Heimat. Erst kürzlich hat Kachel eine seiner Cousinen kennengelernt – sie wohnt ein paar hundert Kilometer entfernt von ihm.

Ein großer Wunsch des 70-Jährigen war es, während seines fünftägigen Besuchs in Wertheim nicht nur auf „neue“ Verwandte zu treffen. Er hoffte zudem, Fotos seiner Vorfahren zu entdecken. Denn bislang war er nach solchen Bildern vergeblich auf der Suche. Doch auch jetzt wurde er nicht fündig.

Trotzdem ist in seinen Augen die Reise auf den Spuren seiner Vorfahren ein voller Erfolg. Dabei macht es ihm nichts aus, dass die Landschaft hier ganz anders aussieht, als er und sein Partner sich diese vorgestellt haben. Hier sei alles so wunderschön, zu ihrer großen Überraschung sogar hügelig, dazu die Ortschaften sehr sauber und der Kaffee gut, schwärmen sie.

Voller Lob sind sie auch für das Engagement von Udo Klüpfel, der die Australier fünf Tage auf ihren Touren in die Umgebung begleitete. Die Verbindung zu dem Lindelbacher wurde durch die Wertheimer Tourist-Information hergestellt, die Kachel zuvor kontaktiert hatte.

Klüpfel hat selbst Nachforschungen zur Familiengeschichte des Australiers angestellt. So fand er in Dertingen heraus, dass die Kachels zunächst nach Bettingen gezogen sind und 1906 die Bäckerei in Remlingen übernommen haben. „Die floriert heute noch.“ Und am Wertheimer Marktplatz gab es einst eine Bäckerei Kachel. Ob diese zur Familie gehörten, ließ sich aber noch nicht klären.

Ebenso wie seine Besucher ist Klüpfel von der Unterstützung und Gastfreundschaft begeistert, die ihnen überall zuteilwurde. So führte sie etwa Ortsvorsteherin Tanja Bolg durch Kembach, um ihnen zu zeigen, wo die Englerts wohnten und wohnen. Dabei stellte man fest, dass die Betreiber des Weinguts Englert Nachfahren der Familie von Christina Maria Kachel sind.

Armin Hemmerich zeigte den Gästen bei einem Dorfrundgang die Kirche. In Lindelbach, wo einst Christina Marias Eltern lebten, wurden die Australier spontan zum Grillen eingeladen. „Dass die Nachfahren der Kachel-Seite Brot und die der Englert-Seite Wein machen, empfanden sie als fast etwas Mystisches“, so Klüpfel.

Schöne Erfahrung

Besondere Erlebnisse genossen die Gäste auch in Remlingen. Denn so mancher erkannte bei den hiesigen und bei den australischen Kachels eindeutige Ähnlichkeiten. „Die Ohren waren gleich verdächtig“, erklären die drei gut gelaunten Herren lachend. „Christa Kachel hat sofort gemerkt, das passt“, bringt es Udo Klüpfel auf den Punkt.

„Wir haben so viele wundervolle Leute kennengelernt“, ist Poul Sletter begeistert. Und Paul Kachel betont mit strahlenden Augen: „Ich bin sehr froh, gesehen zu haben, wo meine Vorfahren gelebt haben. Es war eine sehr schöne Erfahrung für mich, mögliche Verwandte getroffen zu haben.“