Wertheim

Badische Landesbühne Neue Spielzeit in der Main-Tauber-Stadt mit „Das Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht eröffnet

Die Wahrheit ist ein Kind der Zeit

Archivartikel

Mit Bertolt Brechts „Das Leben des Galilei“ startete am Dienstagabend in der Aula Alte Steige in Wertheim die hiesige Spielzeit 2018/2019 der Badischen Landesbühne (BLB).

Wertheim. Galileo Galilei wusste, dass Wahrheit ein Kind der Zeit ist. Mit neuen Instrumenten vermag die Wissenschaft neue Erkenntnisse zu gewinnen und unumstößliche Wahrheiten in Zweifel zu ziehen. Mit einem Fernrohr entdeckte er am Himmel Erscheinungen, die belegten, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Galilei sah den Anbruch einer neuen Zeit. Doch das bewiesene Kopernikanische Weltbild hätte die Herrschaftsansprüche von Staat und Kirche untergraben.

Als der wichtigste Astronom im Vatikan Galileis Entdeckungen bestätigte, hoffte dieser, endlich den Sieg für die Vernunft errungen zu haben. Das Heilige Offizium aber erklärte das Kopernikanische System für ketzerisch.

Acht Jahre lang schwieg Galileo Galilei. Als ein Wissenschaftler zum neuen Papst gewählt wurde, sah er seine Chance. Doch der hielt an der alten Wahrheit fest und ließ Galilei von der Inquisition verhören. Der widerrief seine Theorien und Lehren. „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“, konstatierte Galilei verbittert.

Bertolt Brecht begann „Das Leben des Galilei“ im dänischen Exil und stellte von Anfang an die Beziehung von Wissen und Macht ins Zentrum seines Stücks. Unter dem Eindruck des Abwurfs amerikanischer Atombomben interessierte ihn zunehmend die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft. Von heute auf morgen habe sich die Biografie des Gründers der neuen Physik anders lesen, schrieb Brecht in seinen Notizen zum Leben des Galilei. Der infernalische Effekt der großen Bombe stelle dessen Konflikt mit der Obrigkeit seiner Zeit in ein neues, schärferes Licht.

An Schwelle der Neuzeit

„Galileo Galilei, der mit seinen Erkenntnissen in Widerspruch mit den politischen Mächten seiner Zeit geriet, ist einer der interessantesten Persönlichkeiten der Wissenschaftsgeschichte. Sein Fall steht paradigmatisch an der Schwelle der Neuzeit“, nennt Regisseur Carsten Ramm ein wesentliches Motiv dafür, mit „Das Leben des Galilei“ die BLB-Saison 2018/2019 zu eröffnen. So sei der Konflikt der Galilei-Figur, wie Brecht sie angelegt habe, ein „toller Stoff“ für Bühne und Schauspieler. Außerdem stelle das Werk ein Stück über eine Zeitwende dar, indem das bisher als gewiss Angenommene nicht mehr gelte. „Das galt im 17 Jahrhundert und das gilt heute wieder“, ist Ramm überzeugt.

„Heute geht es um die Frage, ob wir mit unseren Lebensformen unseren Planeten Erde zerstören würden. Gleichzeitig erleben wir ein gesellschaftliches und politisches Rollback gegen wissenschaftliche Erkenntnisse“.

Die BLB brachte mit ihrer äußerst interessanten, spannenden und faszinierenden Inszenierung diese Aspekte in beeindruckender und sehr tiefgehender Weise auf die Bühne. Besondere optische Akzente setzten Kerstin Oelkers Kostüme der bürgerlichen Protagonisten im Stil zeitgenössischer Moderne. Das schlichte Bühnenbild mit nur wenigen und situationsbedingten Requisiten sowie als Hintergrund eine durchgängige Schiefertafelwand mit zahlreichen Notizen und Skizzen bewirkte einen konzentrierten Blick auf die wesentlichen Inhalte, ohne davon abzulenken.

Beeindruckend war zudem die schauspielerische Leistung des gesamten Ensembles, allen voran René Laier in der Rolle als Galileo Galilei und Colin Hausberg als sein ehemaliger Schüler Andrea Sarti. Diese verlieh der Aufführung zusätzlich eine enorme Dramatik. Dazu passten auch die in den Szenenwechseln eingespielte Orgelmusik.

Zum Nachdenken angeregt

Auch wenn sich die Frage nach der heute geltenden Brisanz von Brechts „Das Leben des Galilei“ nicht in allen Facetten beantworten lässt, zeigte die Aufführung, dass Themen wie etwa der Glaube an die menschliche Vernunft sowie das Widerstehen der Macht gegen Wissen und Beweise durchaus als aktuell betrachtet werden können oder sogar müssen. Zweifelsfrei wurde beim Publikum tiefe Nachdenklichkeit erzeugt. Am Ende gab es kräftigen Applaus.