Wertheim

„Vive la France!“ Vortrag der Internationalen Partnerschaftsvereinigung Wertheim mit Referent Alfred Endres begeistert Zuhörer

„Durch die politische Landschaft gefegt“

Wertheim.„Vive la France! Wohin führt Präsident Macron die Grande Nation?“ – So lautete der Titel eines Vortrags am Mittwochabend im Arkadensaal im Rathaus Wertheim. Alfred Endres, ein ausgewiesener Europa-Experte und zugleich begeisterter Europäer, beleuchtete das komplexe Thema facettenreich. Veranstalter war der Internationalen Partnerschaftsvereinigung Wertheim. Elvira Vath zeigte sich froh, den Referenten begrüßen zu dürfen, der hier kein Unbekannter sei.

Endres stellte Frankreich als Land vor, welches der Menschheit Aufklärung und Menschenrechte geschenkt habe, auch die Parole „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland sei der Beweis, dass wahrer Friede zwischen Erzfeinden möglich ist. Der Referent nannte Frankreichs Staatspräsidenten Emmanuel Macron einen Senkrechtstarter, der einen steinigen Weg bestritten habe. Der Kandidat Macron habe erkannt, dass jemand mit unverbrauchten Ideen gebraucht werde, der das System kenne. Sein Sieg über eine Europagegnerin habe die EU vor dem Zerfall bewahrt.

Macron sei wie ein Tsunami durch die politische Landschaft gefegt, so Endres, habe eine Spur der Verwüstung hinterlassen bei den Parteien, die Jahrzehnte lang vorne waren, mit Kandidaten, welche vom Alter her Auslaufmodelle gewesen seien. Der Fachmann sprach hierbei Parallelen zu Deutschland an.

Macrons „La Republique En Marche“ habe die Parteienlandschaft gewandelt. Der Referent unterstrich, Macron sei ein echter, gleichwertiger Partner, um Europa endlich energisch voran zu bringen. Er habe ein tolles Kabinett zusammengestellt, „unverbrauchte junge Leute“, inzwischen aber bereits vier Minister ausgetauscht, die seinen Ansprüchen nicht genügt hätten.

Macron habe vor seiner Wahl „sechs Baustellen“ klar dargelegt. Der Staatspräsident sitze Reformen nicht aus, sagte Endres. So sei die Rentenreform gelungen, aus fünf Systemen sei eins geworden. Zum Klimawandel gebe es für Macron keinen Plan B, gebe es doch auch keinen „Planeten B“. Frankreich, so schwärmte der begeisterte Europäer, verfüge über echte Potenziale. Allerdings sei das Bildungssystem zu akademisch ausgerichtet, es fehle ein duales System wie in Deutschland oder Österreich.

Der Referent schrieb Macron aber auch Fehler zu. Er verwechsle Europa mit der EU. Der Kontinent habe seinen Wohlstand und den Aufstieg zur Hochkultur dem Jahrhunderte langen Wettbewerb von Kleinstaaten und Fürstentümern zu verdanken. Das europäische Wunder beruhe auf Dezentralität, Autonomie und Standortwettbewerb. Die von Macron angestrebte europäische Transfer- und Haftungsunion sei das Gegenteil davon.

Auch habe Macron das politische Spielfeld zu lange den Populisten überlassen. Zu oft habe er sich im Ton vergriffen und seine Kritiker diffamiert, das dürfe einem Profi nicht passieren. Macron dürfe nicht dulden, dass jeden Samstag Autos abgefackelt würden. Zudem sei Macron ein Kontrollfreak, so Endres, der eher eine Vertrauenskultur als wichtig erachtete. Der Referent sagte, Macron habe erkannt, dass Außengrenzen gebraucht würden und dass nur ein effektives Sicherungssystem Frieden zulasse. Ansonsten werde die Migration Europa spalten. Ein Kontrollverlust wie auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise sei nicht akzeptabel. Endres meinte, die Gründungsväter hätten die EU ohne die Bevölkerung geschaffen, „das geht heute nicht mehr“. Macron schlage Deutschland eine neue Partnerschaft vor und wolle Europa den Bürgern zurückgeben. 70 Jahre Frieden seien kein Produkt des Zufalls, sondern eines überzeugten Optimismus. Europa brauche nicht nur Wohlstand, sondern eine gemeinsame Hoffnung.

Der Referent betonte, Europa habe einen Mann wie Macron lange vermisst. Für Macron sei die EU zu langsam, zu schwach, zu ineffizient. Er fordere eine Neugründung und biete sich in einer Führungsfunktion an. Endres äußerte, der Revolutionär könne diese Rolle nicht alleine ausfüllen. Es brauche unverbrauchte europäische Politiker und Änderungen, „gestaltet von uns allen, im Kleinen wie im Großen“. Am Ergebnis der anstehenden Wahl könne abgelesen werden, ob Europa eine Zukunft habe, so Endres, „Europa ist zum Erfolg verdammt“. Dem mit viel Applaus bedachten Vortrag folgte eine Fragerunde. Zum Abschluss stellte der Referent fest: „Macron ist ein großer Europäer. Wenn er scheitert, ist dies eine Katastrophe.“ hpw