Wertheim

Badische Landesbühne In der Aula Alte Steige wurde das Stück „Misery“ aufgeführt / Zuschauer rasch in die richtige Stimmung versetzt

Ein Fan mutiert zum Albtraum

„Ich bin Ihr Fan Nummer eins!“ – Ein Satz, den jeder Prominente gerne hört. Dies ändert sich allerdings, wenn dieser Fan wahnsinnig ist und man selbst komplett von ihm abhängig.

Wertheim. Dieses Gedankenspiel verarbeitete Stephen King dereinst in seinem 1987 erschienenen Roman „Misery“, der auch verfilmt wurde. Aber kann man das mit der gleichen Eindringlichkeit und dem gleichen Gruselempfinden auf die Bühne bringen? Man kann – wie Evelyn Nagel als Annie Wilkes und René Laier als Paul Sheldon unter der Regie von Carsten Ramm am Dienstag in der Aula Alte Steige überzeugend bewiesen. Die Vorlage hierfür lieferte William Goldman, der den Stoff fürs Kino bearbeitete und schließlich eine Bühnenfassung schrieb.

Von der Welt abgeschieden

Die bedrohliche Musik, die Ziggy Has Ardeur für das Setting ausgewählt hatte und die im dunklen Raum erschallte, versetzte die Zuschauer gleich in die richtige Stimmung. Dagegen ein zunächst idyllisches Bühnenbild (gestaltet von Tilo Schwarz): eine Berglandschaft vor dem Fenster, ein Krankenbett, eine Krankenschwester, die sich rührend um ihren Patienten bemüht. Doch der Rotschimmer im Bergpanorama lässt bereits vermuten, dass hier keine romantische Liebesgeschichte ablaufen wird.

Dabei ist gerade eine solche der Dreh- und Angelpunkt im Leben der von der Welt abgeschieden lebenden Annie Wilkes, die von Sheldon verfasste kitschige Reihe „Misery“ über ein Frauenleben im England des 19. Jahrhunderts. Sogar ein Schwein hat die ehemalige Krankenschwester nach ihrer Heldin benannt.

Große Begeisterung

Folglich groß ist ihre Begeisterung, als sie den Schriftsteller nach einem Autounfall rettet und unter ihre Fittiche nimmt. Auch der Schwerverletzte, der nicht gehen kann, ist zunächst dankbar.

Doch mit der Zeit wird es ihm immer unheimlicher, etwa, als Wilkes mit der vulgären Sprache in seinem neuesten Manuskript nicht zufrieden ist und ihn zur Strafe Seifenwasser trinken lässt. Laier spielt seine Qual so eindrucksvoll, dass man als Zuschauer mitleidet und sich selbst vor dem von Nagel überzeugend dargestellten wahnsinnigen Blick Wilkes fürchtet.

Ab jetzt hat der Gefangenen Fluchtgedanken, gepaart mit dem Wunsch, Wilkes zu töten. In seinem eingeschränkten Radius sucht er hierfür Möglichkeiten, während seine Gastgeberin ihn zwingt, einen weiteren Band der „Misery“-Reihe zu verfassen. Kann sie ihm doch nicht verzeihen, dass er ihre Heldin im letzten veröffentlichten Band sterben hat lassen. Als „Mörder“ bezeichnet sie ihn deshalb. Dieser will er irgendwann tatsächlich werden, doch das mit Tabletten versetzte Glas Wein kippt um und das aus der Küche geklaute Messer wird entdeckt.

Dafür straft ihn Annie mit dem Zertrümmern der Knöchel – natürlich nur, weil sie es gut mit ihm meint. Seltsamerweise beflügelt die Situation seinen Schaffensprozess enorm.

Der Schlagabtausch, den sich die beiden liefern, wie sie lauernd die Situation abschätzen und die ständige Verschiebung des Machtverhältnisses – immerhin will Wilkes von Sheldon einen Roman in ihrem Sinne – hält die Spannung stets oben. Da ist man fast erleichtert, als der Sheriff (Hannes Höchsmann) dem Gefangenen immer näher kommt, bis es schließlich zum dramatischen Showdown kommt.

Suchtprobleme

Als King den Roman schrieb, kämpfte er gegen eine Alkohol- und Drogensucht, die für ihn durch Annie Wilkes verkörpert wird. So habe ihn, meint Regisseur Carsten Ramm bei der Inszenierung auch weniger das Horror-Motiv interessiert, sondern aufzuzeigen, wie die Kunstfreiheit durch äußere Faktoren beeinflusst und eingeschränkt wird.

Dies macht den Roman bis heute aktuell und lässt den Zuschauer mit der Frage zurück, wie aktuelle Autoren den Spagat zwischen künstlerischer Freiheit und Kommerz halten. Die wird allerdings noch überlagert von dem Horror, selbst in eine solche aussichtslose Abhängigkeit zu geraten, so dass wohliges Gruseln gepaart mit Erleichterung, selbst frei zu sein, wohl bei den meisten die vorherrschenden Gefühle beim Verlassen der Aula waren.