Wertheim

"Evangelische Pilgerkirche" Wehrkirche in Urphar als erstes Gotteshaus im Bereich der Landeskirche Baden mit besonderer Plakette ausgezeichnet

Ein Ort zum Innehalten auf dem Weg

Als erste in der Landeskirche Baden erhielt die Urpharer Wehrkirche am Montag die Plakette "Evangelische Pilgerkirche". Diese Auszeichnung wird deutschlandweit verliehen.

Urphar. Schon vor Jahrhunderten war das dem Heiligen Jakobus geweihte Gotteshaus eine Station für Pilger. Mit der Auszeichnung durch die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) wird deutlich, dass sie auch heute für Menschen auf ihrem Weg ein bedeutender Ort ist. Reformator Martin Luther war der Meinung, dass Pilgern und Evangelisch-Sein nicht zusammenpassen. Dass dem nicht so ist, bewies der Festvortrag "Im Zeichen der Muschel unterwegs - Pilgern evangelisch" von Pfarrerin Susanne Schneider-Riede, Leiterin der Fachstelle geistliches Leben im evangelischen Oberkirchenrat Karlsruhe.

Pfarrerin Dr. Annegret Ade gin zunächst auf die Geschichte des Gotteshauses ein. Als dieses gebaut wurde, sei das Evangelisch-Sein noch nicht erfunden gewesen. Die Kirche sei auf den Fundamenten eines keltischen Heiligtums entstanden, das schon in dieser vorchristlichen Zeit eine Pilgerstätte war.

Die Wehrkirche ist rund tausend Jahre alt. Erstmals wurde sie 1297 in Zusammenhang mit einem Ablass erwähnt. Weitere Nennungen als Pilgerort gab es 1340/41 und 1446.

Pfarrerin Heike Kuhn von der evangelischen Erwachsenenbildung Odenwald-Tauber übergab an die Kirchengemeinde die Plakette. Diese sei nicht einfach ein Schild an der Tür, betonte die Seelsorgerin. "Wenn wir die Wehrkirche als Pilgerkirche auszeichnen, sind wir bei dem, was Kirche im Inneren ausmacht", verwies sie auf die Wirkungen und die theologische Bedeutung der Pilgerbewegung. Die Pilgerkirche sei eine Profilart der offenen Kirche, die an verschiedene Bedingungen geknüpft ist (siehe nebenstehende Infobox).

Kuhn dankte der Kirchengemeinde und allen Ehrenamtlichen, die bereit sind, sich um das Gotteshaus und die Pilger zu kümmern. Die Auszeichnung zeige: "Alle Menschen, die ihr unterwegs seit, ihr seit herzlich willkommen." Man biete ihren in der Kirche einen Erfahrungsraum. "Egal, wie man generell zu Kirche steht, ein Kirchenraum lässt niemanden unberührt", betonte Kuhn abschließend.

Pfarrerin Schneider-Riede zeigte sich "von der wunderschönen Kirche begeistert." Sie erzählte einleitend die Sage, die zur Entstehung der Muschel als Schutzsymbol der Jakobspilger führte. Bis zum 13. Jahrhundert sei diese von den Pilgern am Ziel als Beweis der Ankunft gekauft worden. Später hatten sie die Pilger als Schutzzeichen dabei. Früher habe sie auch als Werkzeug und Trinkgefäß gedient.

Geschichtsträchtig

Die Muschel ist in Europa auf den Wegweisern des Jakobswegs zu sehen. "Es ist faszinierend, wie viele kleine und große Jakobswege zu entdecken sind", stellte die erfahrene Pilgerin fest. Zum Pilgern gehöre auch, sich einmal zu verlaufen oder Umwege zu gehen. Manchmal gebe es dort das Schönste zu entdecken.

Die Wehrkirche in Urphar habe man nicht ohne Grund als erstes Gotteshaus ausgezeichnet. Denn sie sei ein geschichtsträchtiger Ort, betonte die Rednerin. Das Interesse an solch einer Auszeichnung sei in der Landeskirche groß. Denn die Menschen suchten Orte auf dem Weg zum Innehalten. Aber auch die Pilgerstempel als Zeichen seien ihnen wichtig.

"Martin Luther hatte es nicht mit Pilgern im engeren Sinne." Er habe starke Kritik an der Praxis der Wallfahrten seiner Zeit geäußert. Kritisch sah er unter anderem jene nach Rom und Santiago de Compostela. Infolge seiner Ablehnung sei das Pilgern in reformatorisch geprägten Gebieten über Jahrhunderte hinweg zum Erliegen gekommen. In seine Kritik flossen auch Luthers eigene Erfahrungen bei einer Wallfahrt nah Rom ein. Er war entsetzt über das, was er am Ziel erlebte. Insgesamt sei er zwischen Toleranz und der Meinung, Wallfahrten seien widergöttlich, geschwankt.

"Durch Pilgerwege kann man sich keine Gnade erlaufen", zitierte Schneider-Riede die Kernkritik Luthers. Ein weiterer Grund seiner Ablehnung sei die damit verbundenen Heiligenverehrung gewesen. Auf der anderen Seite habe er auch darauf verwiesen, dass die Apostel "als Pilgrim" ständig unterwegs waren, um das Evangelium zu verkünden.

Mit einem Exkurs in das Alte und Neue Testament zeigte die Referentin auf, dass schon in den Anfängen des jüdischen Glaubens Menschen mit Gott unterwegs waren. So könne man den Zug Israels ins gelobte Land als Jahrzehnte lange Pilgerreise sehen. Auch Jesus sei nach Jerusalem gepilgert.

Geistliche Grundhaltung

Biblisch müsse man Pilgern als geistliche Grundhaltung sehen. Man sei das ganze Leben mit Gott unterwegs. Die Pilgerbewegung der Moderne habe nicht mehr das Seelenheil als gemeinsames Ziel. Die Erfahrung dabei, zu sich selbst, zu Gott und zu anderen zu finden, ziehe Menschen aber noch heute an. Sie verbinde auch die Pilgerbewegung der Konfessionen. "Ich denke mit dem Missverständnis, man könne sich das Heil erlaufen, sind wir durch", betonte die Referentin. Somit passen auch Evangelisch-Sein und Pilgern zusammen.

Es gibt viele Gründe zu pilgern, erklärte die Referentin. Man erlebe einen Erfahrungsraum der Freiheit, aber auch der Gemeinschaft, losgelöst vom Alltag. Beim Pilgern wandle man sich körperlich und geistig. Man finde sein eigenes Tempo. Es mache einen sensibler für Natur und Geschichte und man lerne, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die besondere Erfahrung des Pilgerns könne man auch auf Tagesetappen und sogar auf bewusst gegangenen Alltagswegen erleben. bdg