Wertheim

Raumfahrt Transport zur Internationalen Raumstation sollte in der Nacht starten / Lebenserhaltungssystem wird Sauerstoff und Wasser produzieren

Fracht aus Wertheim für „Astro-Alex“

Fast vier Jahre hat die Firma Pink an Bauteilen für ein Versorgungssystem für die Internationale Raumstation gearbeitet. Jetzt sollte das Systems zur ISS gebracht werden.

Wertheim. Für Burkhard Speth ist es das große Finale. Der Konstruktionsleiter der Firma Pink und sein Team fiebern seit Tagen dem Start des Raumtransporters HTV-7 im japanischen Tanegashima Space Center entgegen. Der Transporter hat ein Lebenserhaltungssystem der Firma Airbus an Bord, mit dem in der Internationalen Raumstation (ISS) Sauerstoff und Wasser produziert werden sollen. Maßgebliche Teile des sogenannten ACLS (Advanved Closed Loop System) wurden von der Wertheimer Firma Pink unter der Regie von Speth produziert.

Wegen Sturm verschoben

Bereits zweimal musste der Abflug des Raumtransporters in dieser Woche verschoben werden, unter anderem wegen eines Taifuns am Dienstag. Gestern Nacht um 23.30 Uhr war der nächste „Lift-Off“-Versuch von HTV-7 geplant.

„Ich werde mir das live angucken – natürlich“, sagt Speth am Donnerstagnachmittag. Gelinge der Start nicht, werde das nächste Zeitfenster erst in mehreren Wochen offenstehen. Geht alles gut, treffen sich Transporter und ISS voraussichtlich am Montag, zweieinhalb Tage nach dem Start, zum „Rendevouz“, dem Andocken rund 400 Kilometer von der Erde entfernt.

Von 2014 bis Dezember 2017 arbeiteten Speth und sein Team an der Konstruktion und Produktion der Bauteile für das Versorgungssystem. Rund 40 hoch qualifizierte Mitarbeiter waren eingebunden. 3500 bis 4000 Konstruktionsstunden flossen in das Projekt. Die mit kleinsten Toleranzen gefertigten Präzisionswerkstücke montierten die Mitarbeiter dann im Reinraum zu Baugruppen. Ende 2017 lieferte Pink Hardware und Dokumentation an die Raumfahrtsparte von Airbus, die die Teile des Systems zusammenfügte. Gerade die Dokumentation sei ein großer Teil der Arbeit. „Man kann sagen, dass Airbus von uns eine halbe Europalette Hardware und eine ganz Europalette Dokumentation erhalten hat“, macht Speth die Mengen anschaulich.

Glückt der Transport des Materials zur ISS, wird ESA-Astronaut und ISS-Commander Astronaut Alexander Gerst das kompakte, kleiderschrankgroße System, das zunächst lediglich für drei Personen ausgelegt ist, Anfang November in das Raumforschungslabor Columbus einbauen. Dann beginnt eine sechswöchige Inbetriebnahme-Phase des neuen Systems. Funktioniert es, wird es Kohlendioxid aus der Kabinenluft entfernen und per Elektrolyse Sauerstoff zum Atmen gewinnen. Aus Wasserstoff und Kohlendioxid entsteht zudem Wasser.

Gerade das macht ACLS für die Raumfahrt interessant. Denn der Transport von Wasser und anderem Material ist teuer. „Einen Liter Wasser zur Raumstation zu bringen, kostet zwischen 40 000 und 60 000 Euro“, verdeutlicht Speth. ACLS erzeugt „etwa 40 Prozent des für seinen Betrieb benötigten Frischwassers selber und reduziert damit erheblich die Menge Wasser, die für den ACLS-Betrieb auf die ISS gebracht werden muss“, heißt es in einer Pressemitteilung der Firma Airbus. Bis Ende 2019 wird der Betrieb des Systems auf der ISS getestet. Bewährt es sich, könnte es ein permanentes System der Raumstation werden.

Bemannte Flüge zum Mars

„Mit dem Beginn kommerzieller Raumflüge in der nahen Zukunft müssen die bestehenden Systeme, die auf sechs Astronauten ausgelegt sind, ergänzt werden, um die Kabinenluftqualität auch bei vergrößerten Besatzungen zu erhalten. Für Airbus ist der Technologiedemonstrator ein wichtiger Schritt in der Entwicklung von Lebenserhaltungssystemen mit geschlossenem Kreislauf für bemannte Flüge über den erdnahen Weltraum hinaus“, schreibt Airbus. So könnte das ACLS-System später etwa auch bei einer bemannten Mars-Expedition zum Einsatz kommen.