Wertheim

Konzert Jazz-Pianistin Julia Kadel begeisterte im Atelier Johannes Schwab mit interaktivem Spiel

Improvisation von impulsiver Intuition

Symbiose oder Interaktion? Für knapp zwei Stunden gingen Jazz-Pianistin Julia Kadel und Aktionskünstler Ottmar Hörl eine innige künstlerisch-musikalische Verbindung ein.

Wertheim. Schauplatz war das Atelier Schwab in Wertheim. Ein gelungener Standort, denn schon öfter hat sich die junge Pianistin hier in der intimen Ausstellungsatmosphäre zusammen mit ihrem Jazz-Trio und einem interessierten, fachkundigen Publikum zu einer Session getroffen. Diesmal kam sie ohne ihre Begleitgruppe, ohne genaues Konzept, ohne festgelegtes Programm. Wie konnte das funktionieren?

Ungewöhnlicher Beginn

Julia Kadel versuchte eine Brücke zu schlagen zu der bildenden Kunst, die Ottmar Hörl mit großformatigen Farb- und Spurenlandschaften vorgab. Hörl ist ein Künstler, der an vielen Schnittstellen arbeitet. Er wirkt als Konzeptkünstler, Bildhauer, Installations-, Aktions-, Foto- und Objektkünstler. Sein Werk, so populär es auch geworden ist, vielfach ausgezeichnet, ausgestellt und in bedeutenden Sammlungen verwahrt. Es lässt sich - genauso wie die junge Pianistin - stilistisch nicht einordnen.

Julia Kadel versenkte sich in die Bilder, nahm ihr Wesen wie einen Schwamm auf, transformierte es in ihre eigene Gefühlswelt und begann ihr Spiel auf eine Weise, wie es wohl kaum eine andere Pianistin vor ihr tat.

Mit Faust auf Klavier gehämmert

Kadel setzte sich nicht an den Flügel, sie stand vor ihm und umkreiste ihn wie ein unergründliches Wesen. Die Musikerin griff nicht in die Tasten, sondern zupfte an den Saiten im offenen Flügel, probierte hier und dort etwas aus, hämmerte mit der Faust oder mit einem Schlegel darauf.

Es war, als ob sie die Möglichkeiten des Instruments wie zum ersten Mal erkundete und in sich aufsog - ohne Grenzen, ohne Anfang und Ende, ohne irgendwelche Strukturen zu beachten. Sie war ganz Sinn, Emotion, ein Gefäß unerhörter und - herkömmlich gesehen - unerlaubter Möglichkeiten, die sie rücksichtslos ausleuchtete.

War es reine Improvisation? Bedingt ja. War es die Summe aus den bildlichen Eindrücken der geheimnisvollen Spurenwelt Otmar Hörls, Reflexe einer nicht gesteuerten Kreativität? Wahrscheinlich. Eins war klar: Diese musikalischen Impressionen werden sich so nie wiederholen - egal, wo Julia Kadel wieder auftritt.

Nicht einzuordnen

Diese Einzigartigkeit war schon ein Geschenk an die Zuhörer. Sie erlebten eine Facette der Pianistin, die ihr Spiel grenzenlos ausweitete und ohne erkennbare Schlussfloskel abschloss.

Man kann es nicht einordnen. Es sprengt die Grenzen irgendwelcher Zuordnungen. War es Jazz? War es experimentelle Musik? Ihr Spiel hatte alle Nuancen - und nichts davon.

Was sie spielte, klang nicht "schön" im herkömmlichen Sinn, aber es berührte das Innerste, schuf einen Anklang an unendliche Weite. Es war wie das "Jetzt", unwiederbringlich verklungen. Der Sonntagvormittag im Atelier Schwab vermittelte denen, die nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit den anderen Sinnen "hörten", unvergessliche zwei Stunden.

Dass sie auch ganz anders kann, bewies die junge Künstlerin in den vergangenen Jahren mit ihrem Jazz-Trio. In Berlin nahm die 27-jährige Pianistin mit klassischer und jazz-spezifischer Ausbildung mit ihrem Trio das Debütalbum "Im Vertrauen" auf.

Das hält erstmals auf Tonträger die Musik fest, die die junge Formation zu einem Geheimtipp der Live-Szene gemacht hat.