Wertheim

„Die Glasmenagerie“ Beeindruckende Aufführung der Badischen Landesbühne / Drama der Familie Wingfield ist ein zeitloser Konflikt

In der Liebe zueinander gefangen

Ein meist etwas genervtes „Ja, Mutter“ ist wohl die häufigste Antwort von Sohn und Tochter in „Die Glasmenagerie“ von Tenessee Williams. Diese Replik zeigt das ganze Drama der Familie Wingfield.

Wertheim. Die Badische Landbühne glänzte mit dem Stück bei ihrer Aufführung am Dienstagabend in der Aula Alte Steige mit einer exzellent gespielten Bühnenfassung von Katharina Schmidt.

Obwohl Williams die in den 1940er Jahren entstandene „Glasmenagerie“ im amerikanischen Süden kurz vor dem Zweiten Weltkrieg ansiedelt und eigene biografische Erfahrungen eingebaut hat, zeigt es einen zeitlosen Konflikt: Eine Mutter, die das Beste für ihre Kinder will und sie dadurch mit ihrer kontrollierenden Liebe fast erdrückt. Ein Sohn, der ausbrechen will und doch seine Verantwortung als Ersatz für den verschwundenen Vater sieht. Und schließlich eine Tochter, die aus der realen Welt flüchtet, indem sie sich ihrer Sammlung von Glastieren widmet.

Hoffnung bringt da Jim, ein Arbeitskollege von Sohn Tom, der der Tochter Laura den Hof machen und sie im Idealfall heiraten soll. Es scheint zu funktionieren. Die beiden küssen sich, und der Zuschauer freut sich einerseits mit der so unsicheren Laura mit, hat aber andererseits das Gefühl, dass dieses versöhnliche Ende nicht zu der Beklemmung des vorangegangenen Stücks passt.

Und so ist es auch: Denn kaum scheint für die verarmte Familie ein Hoffnungsschimmer aufzublitzen, wird das Ganze jäh zerstört – denn der Verehrer ist mit einer anderen verlobt. So endet alles offen.

Der Sohn beschließt, trotz seiner Gewissensbisse fortzugehen und Mutter und Tochter sich selbst zu überlassen. Man kann ihn als Zuschauer verstehen und ist auch nicht sicher, ob dies nicht sogar dazu dient, Mutter und Tochter wachzurütteln und aktiv werden zu lassen, sich selbst aus ihrem Gefängnis zu befreien.

Das anrührende Stück von Williams lebt neben der mitreißenden Handlung vor allem von der grandiosen schauspielerischen Leistung der vier Darsteller: Allen voran Cornelia Heilmann als Mutter Wingfield, die alle Stimmungsfacetten hervorragend ausfüllt: Das Schwärmerische, als sie an ihre Jugend zurückdenkt, die Wut, als sie erfährt, dass ihre Tochter die Wirtschaftsschule geschwänzt hat und ihr Sohn ihr Widerstand leistet. Das überdrehte Umgarnen des vermeintlichen Retters, und die Verzweiflung, als es keinen Ausweg gibt.

Sohn Tom, dargestellt von Tobias Karn, steht etwas außerhalb und fungiert als Erzähler. Durch seine nüchterne Art schafft er es, immer wieder zu erinnern, dass das Ganze ein Theaterstück ist.

„Ich bin das genaue Gegenteil von einem Bühnenzauberer. Der liefert euch Illusionen, die Anschein von Wahrheit haben. Ich liefere euch Wahrheiten in der freundlichen Verkleidung der Illusion“, lässt Williams ihn sagen.

Tochter Laura möchte man am liebsten in den Arm nehmen und trösten, so schüchtern, zerbrechlich und enttäuscht von der Welt wird sie von Sina Weiß gespielt. Der Blick ins Leere, den die Schauspielerin exzellent beherrscht, zeugt davon.

Bleibt Martin Behlert, der die Rolle des Jim verkörpert. Er freut sich über ein Abendessen und ist einfach nett. So kann er Laura aus ihrem Schneckenhaus holen, um sie letztlich noch tiefer hineinzustoßen.

Die Schauspielkunst wird unterstützt von dem Arrangement drumherum: Das Bühnenbild ist wie immer bei der Badischen Landesbühne einfach gehalten. Es muss bei diesem Tourneetheater transportfähig sein. Dennoch ist es durchdacht, denn die Wohnung ist hinter einer Art Gitter mit wenigen Längsstreben – einengend und doch offen.

Besonders wichtig ist die Musik, die die Stimmung trägt, etwa wenn der Song „Ground Patrol to Major Tom“ die Zerrissenheit des jungen Mannes zwischen Gehen und Bleiben zeigt oder Schlagzeugrhythmen die Bedrohlichkeit einer Situation unterstreichen.

Ein Theatererlebnis, das noch nachklingen wird, vor allem auch, weil sich wohl jeder der Zuschauer in der einen oder andere Figur wiedererkannt hat.