Wertheim

Bronnbacher Archivalien Ein anonymer Hinweis im „Wertheimer Intelligenzblatt“ war Anlass für Überlegungen, Neugeborene im Winter zu Hause zu taufen

Klirrende Kälte als Gefahr für das Leben

Archivartikel

Vor 220 Jahren machte sich die löwensteinische Regierung Gedanken darüber, ob Neugeborene zur Taufe durch die Kälte getragen werden oder ob sich die Geistlichen lieber zum Kind begeben sollten.

Wertheim. Ins Rollen kam der Stein durch einen anonymen Hinweis im Wertheimer Intelligenzblatt vom 11. Januar 1799. Man machte sich Gedanken über die Zumutbarkeit des Transports von neugeborenen Kindern aus Grünenwört, die auch bei großer Kälte zur Taufe in Wertheim jeweils eine Meile hin und und wieder zurückgebracht werden mussten. Dieser Weg wurde normalerweise zu Fuß zurückgelegt.

Nun wird man sich fragen, was in solchen Fällen gegen eine Haustaufe spricht. Superintendent Neidhart und Stadtpfarrer Müller wiesen in einem Schreiben an die Regierung darauf hin, dass solche Haustaufen einer vorhergehenden Dispensation bedurften. Und außerdem litten auch Geistliche, wenn sie alt und kränklich seien, unter schlechtem Wetter.

Mit Tricks gearbeitet

Sie berichteten über einen aktuellen Fall: Im März 1799 wird in Grünenwört ein Kind geboren. Darauf kommt der junge Vater nach Wertheim zu dem Superintendenten und fordert ihn „mit Ungestüm“ auf, in die Gemeinde zu kommen und die Taufe vorzunehmen. Dies wird ihm jedoch wegen des schlechten Wetters abgeschlagen.

Daraufhin geht der junge Mann zum Stadtpfarrer und gibt vor, seine kranke Schwiegermutter verlange das Abendmahl. Bei näherer Untersuchung kommt jedoch heraus, dass die Schwiegermutter gar nicht krank ist, sondern wegen ihres Alters den ganzen Winter schon „etwas engbrüstig“ sei. Nachdem der Stadtpfarrer zwar eine Haustaufe in Erwägung zieht, jedoch nach einer Kutsche verlangt, macht der Grünenwörter einen Rückzieher und bringt das Kind doch per pedes nach Wertheim zur Taufe.

Nun zieht der Geistliche in Wertheim vom Leder: Die Gemeinde Grünenwört trage schließlich nichts zur Pfarrbesoldung bei, sondern bezahle im Gegenteil für Leichenpredigten nur einen Gulden, wofür jedoch jeder Landgeistliche einen Gulden und 30 Kreuzer erhalte. Bei den Holzabgaben essen und trinken die Grünenwörter auf Kosten der Pfarrei soviel, dass ein Gewinn so ziemlich ausgeschlossen sei. Auch das übliche Neujahrsgeschenk, das die Gemeinden der Pfarrei gewohnheitsmäßig machen, bliebe im Fall Grünenwört ganz aus.

Hofarzt zu Rate gezogen

Die fürstliche Regierung will daraufhin vom Buchdrucker Nehr erst einmal wissen, wer der Urheber dieser Anzeige im Intelligenzblatt ist. Darüber fehlt jedoch in den Akten, die sich im Staatsarchiv Wertheim erhalten haben, jede Nachricht. Die gräfliche Regierung reagiert erst im Juni 1801 und verlangt von Hofrat Sauer, dem „Amtsarzt“ der Grafschaft, einen Bericht darüber, ob der Transport von Neugeborenen bei großer Kälte schädlich sei, auch wenn sie gut eingepackt werden.

Physikus Sauer beantwortet im Juli 1801 die Frage rundweg mit Ja. Den Landleuten traut er nicht zu, dass sie die Kinder entsprechend einpacken, und überhaupt könne seiner Meinung nach gegen die große Kälte bei dieser Entfernung kaum etwas getan werden. Sollte es nun zu einer neuen Regelung kommen, so erinnert er auch an die Gemeinden Hasselberg, Vockenrot, Ödengesäß, Sonderriet, einen Teil von Nassig und die Pfarrei Michelriet. Nun möchte die Regierung in Wertheim wissen, wie es dort gehalten werde.

Der erste, der reagiert, ist der Nassiger Pfarrer. Im August berichtet er, dass er selbstverständlich bei entsprechendem Wetter Haustaufen vornimmt, schon „aus schuldigem Mitleiden gegen die noch sehr zarte und schwache Kinder“, die meist nicht älter als 24 Stunden, manchmal noch keine zwölf Stunden alt seien.

Viele Kinder starben

Am gleichen Tag meldet sich Pfarrer Assum aus Michelriet: In seinen elf Amtsjahren kam es nur zweimal vor, dass er in den jeweils eine Stunde entfernten Kirchspielorten Steinmark und Glasofen wegen des Wetters Haustaufen vorgenommen habe. Dafür habe er jeweils nur die übliche Stolgebühr von 30 Kreuzern verlangt. Der Beweggrund dafür lag darin, dass die beiden Väter bereits fünf oder vier Kinder hatten, die jedoch sehr schnell wieder verstarben. Die Neugeborenen wollte er keiner unnötigen Gefahr aussetzen. Dennoch verstarb das Kind in Glasofen ebenso wie seine älteren Geschwister.

Auch in Kredenbach habe er im Winter eine Haustaufe vorgenommen. Einmal sei sein Angebot sogar ausgeschlagen worden, ohne dass das Kind gestorben sei. Die Eltern und Taufpaten hätten lediglich darum gebeten, dass die Taufe nicht in der kalten Kirche, sondern in der guten Stube im Pfarrhaus vorgenommen werde.

Im September meldet sich schließlich Pfarrer Johann Michael Henninger aus Hasloch: Haustaufen nehme er keine vor. Aus seiner Sicht seien die Leute daran gewöhnt, auch Neugeborene bei Wind und Wetter in die Kirche zu tragen. Die Schollbrunner Lutheraner hätten sogar eine eigene Kirche, in der er Taufen vornehme.

Angebot der Haustaufe

Das Fazit läuft auf eine Win-Win-Situation hinaus: Beide Regierungen, die evangelisch gräfliche als auch die katholisch fürstliche bestimmten, dass die Wertheimer evangelischen Geistlichen das Angebot der Haustaufe auch machen sollten.

Kutsche auf Kosten des Vaters

Allerdings sollte wegen des schlechten Wegs auf Kosten des Kindsvaters eine Kutsche gemietet werden, wenn dieser nicht ganz arm sei. Könne er seine Armut jedoch durch ein Attest des jeweiligen Schultheißen nachweisen, sollte das Spital die Kosten übernehmen.