Wertheim

Diakonissenmutterhaus Doktorand Kamil Pawlowski forscht im Archiv der Schwestern im Hofgarten nach Zeugnissen aus der Zeit vor der Vertreibung aus Schlesien

Konzentrierte Arbeit bis spät in die Nacht

Eine Postkarte, auf der Schwestern in weißer Tracht abgebildet waren, faszinierte Kamil Pawlowski als Jugendlicher. Heute forscht der Pole über das Diakonissenmutterhaus bis 1946.

Hofgarten/Frankenstein. Unscheinbar sieht das Arbeitsheft in DIN A4-Größe aus. Es liegt, eingeschlagen in einen Plastikumschlag, auf einem Tisch im Archiv des Diakonissenmutterhauses im Hofgarten. Für Kamil Pawlowski birgt das Heft wahre Schätze: In feinsäuberlicher Handschrift hat Schwester Elfriede Heidrich das Leben im Mutterhaus Frankenstein in den Jahren 1941 bis März 1946 dokumentiert. Schwarz-weiß-Aufnahmen illustrieren das Geschriebene.

Der junge Pole forscht für seine Doktorarbeit an der Universität Wroclaw (Breslau) im Archiv des heutigen Mutterhauses über die Geschichte und das Wirken der Frankensteiner Diakonissen zwischen 1860 und 1946 – also der Zeit vor der Vertreibung aus Schlesien. Fünf Tage wird er in Wertheim bleiben und hat sich dafür ein straffes Programm vorgenommen: Unzählige Hefte, Alben und andere Dokumente warten darauf, von ihm gesichtet zu werden.

Bis heute nicht aufgearbeitet

Für Oberin i.R. Irmgard Stolz, Geschäftsführerin Carolin Thies und Vorstandsvorsitzenden Walter Scheurich ist das Engagement Pawlowskis ein Glücksfall. Denn: Die Anfänge des Diakonissenmutterhauses wurden bis heute nicht aufgearbeitet. „Unsere Wurzeln werden erkundet“, freut sich Carolin Thies.

Die Jungfräulichkeit des Stoffes, der Fakt, dass es im katholischen Polen solche evangelischen Einrichtungen gab und die Bedeutung für die Heimatstadt seiner Großeltern waren für Pawlowski Gründe, das Thema aufzugreifen. Dass er als Einziger seiner Universität vom polnischen Wissenschaftsministerium mit einer Projektförderung bedacht wurde, motiviert ihn zusätzlich. In Berührung mit den Diakonissen kam Pawlowski jedoch schon viel früher: „Als 14-jähriger Junge war ich bei einem Freund zu Besuch. Der hatte eine Postkarte vom Mutterhaus, auf dem Schwestern in weißer Tracht und mit Häubchen vor dem Mutterhaus in Frankenstein standen. Das gefiel mir“, erinnert er sich.

Offizielles Anschreiben

Diese Begeisterung für die Diakonissen, deren Wirken Zabkowice Slaskie, wie Frankenstein heute heißt, bis heute prägt, lebte mit dem Beginn seiner Forschungen neu auf. Seit Jahresanfang sammelte Pawlowski im Staatlichen Archiv in Breslau und im ehemaligen Kirchenarchiv in Swidnica (Schweidnitz) Stoff für sein Thema. Eine weitere Station seiner Forschungen wird das Evangelische Zentralarchiv in Berlin sein, aber auch bei Internetauktionen fand Pawlowski bereits Quellen.

Der erste Kontakt mit dem Mutterhaus in Wertheim entstand 2017, als Schwester Irmgard ihren Urlaub in Frankenstein verbrachte. Ein offizielles Anschreiben, in dem er sein Anliegen formulierte, im hauseigenen Archiv im Hofgarten zu forschen, verfasste Pawlowski schließlich im Herbst. „Es gab niemanden, der von dieser Idee nicht begeistert war“, erinnert sich Scheurich. „Es ist wunderbar“, ergänzt Schwester Irmgard. „Wir stehen ganz und gar hinter dem Projekt“, betont Carolin Thies.

So ist selbstverständlich, dass jeder im Diakonissenmutterhaus den jungen Forscher nach Kräften unterstützt, seit dieser am Dienstagmorgen um 3 Uhr nach acht Stunden Busfahrt in Wertheim ankam. „Wir wären ein schlechtes Mutterhaus, würden wir ihn nicht gut versorgen“, sagt Schwester Irmgard.

Schon am nächsten Morgen führte sie Pawlowski ins Archiv, wo der Forscher sein rotes Laptop und den Scanner aufbaute und loslegte. Einen Überblick über das Material hatte er sich dank eines Inhaltsverzeichnisses von Zuhause aus gemacht. „Er arbeitet von früh bis spät und auch nachts“, berichtet Walter Scheurich begeistert.

Um dem Polen etwas Abwechslung zu verschaffen, unternimmt Scheurich mit ihm Ausflüge – beispielsweise auf den Friedhof. „Er kannte die Namen besser als ich“, zeigt sich Scheurich verblüfft über das Wissen des Gastes, der nicht nur zielsicher den Grabstein von Oberin Schwester Marlene Petrau fand, sondern Scheurich zu jedem Schwesterngrab eine Geschichte erzählen konnte. „Das hat mich vollends überzeugt. Er hat so viel Liebe zum Detail“, schwärmt Scheurich.

Bilder der abgebrannten Kirche

Bei so viel Lob von seinen Gastgebern wirkt Pawlowski fast ein wenig verlegen. Aber er bestätigt, die Forschungen seien für ihn eine Herzensangelegenheit.

Dann erzählt er von den Funden, die er bisher im Archiv gemacht hat: Zum Beispiel Fotografien aus dem Inneren der Kirche der Diakonissen, die in den Jahren nach Kriegsende abgebrannt ist. „Ich wusste nicht, dass wir diese Bilder im Archiv haben“, bestätigt Schwester Irmgard die Besonderheit des Funds.

Ein anderes Schätzchen hat die Oberin i.R. dem Forscher, der gut Deutsch spricht, am Donnerstagmorgen auf den Tisch gelegt: die Aufzeichnungen der ersten Oberin Gräfin von Stosch. Bis Ende des Jahres will er seine Sammlung vervollständigt haben, Ende 2019 muss seine Arbeit mit dem Titel „Das große Werk der schlesischen Barmherzigkeit. Evangelisches Diakonissenmutterhaus in Frankenstein in den Jahren 1860-1946 – Tätigkeit, Struktur, Erbe“ fertig sein.

Veröffentlicht wird das Werk vorerst in polnischer Sprache. „Aber, wer weiß, vielleicht findet sich jemand, der die Arbeit übersetzt“, sagt Scheurich.