Wertheim

Kraft Gottes ist da

In den nächsten zwei Tagen feiern Christen und Christinnen auf der ganzen Welt das Pfingstfest. Was würde denn fehlen, wenn es Pfingsten nicht gäbe? Auf jeden Fall wären die beiden Tage keine Feiertage, und Pfingstferien gäbe es logischerweise auch keine.

Aber diese Antwort ist mir dann doch zu oberflächlich. Für eine Antwort mit tieferem Sinn lade ich Sie ein zu einer kleinen Zeitreise in das Jerusalem des Jahres 33 christlicher Zeitrechnung. Bis vor wenigen Wochen noch waren die Jünger und Jüngerinnen mit Jesus unterwegs durch Palästina. Sie lernten dabei von ihrem Rabbi und Meister viel über das Reich Gottes und wie es nach Gottes Willen gut ist, zu leben. Und sie erkannten, dass es mit Jesus etwas ganz Besonderes auf sich hat. Sie spürten, dass hier zwar ein Mensch wie sie mit ihnen unterwegs war; dass ihnen aber in diesem Menschen wunderbarerweise gleichzeitig auch Gott ganz nahe kam. Sie glaubten in Jesus den Messias, den Retter und Erlöser der Welt gefunden zu haben, der die Welt von allem Bösen befreit, um dann sein die ganze Erde umfassendes Friedensreich aufzurichten.

Doch dann kam der Karfreitag. Mit dem Tod Jesu am Kreuz starb an diesem Tag bei ihnen auch alle Hoffnung. Aber nach Karfreitag ging die Geschichte Jesu wider alles Erwarten weiter. An Ostern war Jesu Grab leer. Leer, weil der Tod besiegt und Jesus auferstanden war. „Er lebt!“

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Botschaft in Jesu Freundeskreis. Und dann, so erzählt die Bibel, wurde Jesus von einigen unter ihnen gesehen. Welche Freude! Jesus war wieder unter ihnen und ansprechbar, fast so wie früher. Doch wie enttäuscht müssen die Anhänger Jesu gewesen sein, als er an Himmelfahrt wieder verschwand, um zu Gott, seinem Vater, zurückzukehren.

Die Jünger und Jüngerinnen erlebten von Karfreitag bis Himmelfahrt ein Wechselbad der Gefühle. Jesus, erst tot, dann lebendig, dann da, dann wieder weg. Was sollten sie davon halten? Die Antwort auf ihre Frage bekamen sie an dem Ereignis, das wir Pfingsten nennen. In Jerusalem saßen sie zusammen und erinnerten sich an ihre Erlebnisse mit Jesus. Und mit einem Mal spürten sie: Wir sind nicht mehr allein. Jesus ist da! Zwar nicht sichtbar, aber doch da.

Plötzlich war es gar nicht mehr schlimm, dass sie Jesus nicht mehr sehen konnten. Denn es war ihnen klar: Nur so ist es ihm möglich, überall und zu jeder Zeit bei den Menschen zu sein. Jesus muss nicht sichtbar sein. Wichtig ist, dass seine Kraft da ist, die auch die Kraft Gottes ist und die wir den „Heiligen Geist“ nennen.

Als die Jünger und Jüngerinnen damals an Pfingsten diese besondere Kraft spürten, da spürten sie auch, dass diese Kraft so stark ist, dass sie sie alle zur Gemeinschaft in Jesus Christus verbindet über alle Sprachen und Volkszugehörigkeiten hinweg. Und das gilt bis heute. Die Kirche Jesu Christi und damit das Christentum war „geboren“.

Was würde uns also fehlen, wenn es Pfingsten nicht gäbe? Wir wären an Himmelfahrt als von Jesus Verlassene zurückgeblieben und hätten ihn verloren. Pfingsten hat uns Jesus zurückgebracht. Und noch mehr: Seit Pfingsten will uns sein Heiliger Geist vereinen zu seinen geliebten Brüdern und Schwestern.

Dr. Annegret Ade, Pfarrerin in Bettingen, Lindelbach und Urphar