Wertheim

Vortrag Dr. Norbert Stallkamp referiert über Heinrich Heine

Patriot im besten Sinne

Archivartikel

Wertheim.Knapp 60 Zuhörer widmeten sich am Freitagabend im Grafschaftsmuseum Wertheim einem literarischen Vortrag über Heinrich Heine.

Dr. Norbert Stallkamp begab sich dabei auf eine fundierte Spurensuche, ließ den Dichter selbst zu Wort kommen, beleuchtete prägende Aspekte aus dessen Vita. Saxophonist Manuel Dahner begleitete die Veranstaltung musikalisch.

Dr. Stallkamp führte die Zuhörer an Heine mit dem „Lied von der Lo-reley“ heran und mit Erinnerungen an einen Lehrer aus der Nazizeit, dem es in schwieriger Lage gelungen war, seine Schüler mit den Wesenheiten des Dichters bekannt zu machen. Zu Heine gebe es selbst bei Literaturhistorikern kein einheitliches Bild.

Kampf mit der Sprache

Heine habe in seiner frühen Zeit den Kampf mit der Sprache aufgenommen. Eine Neigung zum Gespenstischen und zum Traumhaften gezeigt. „Er war ein Virtuose der Polemik, ein Satiriker von fast krankhafter Empfindlichkeit“, hatte ständig Streit mit Umfeld und Verlegern, „echt schräg eben.“ Heine zeige sich als Mensch der Widersprüchlichkeit, als „Romantiker und zugleich Zerstörer der Romantik“.

Stallkamp erläuterte, Heine habe sich selbst als eitel bezeichnet, und zitierte diesen mit „aber die Men-schen sind die eitelsten Kreaturen, Poeten sind die eitelsten unter den Menschen“. Der Dichter sei vor der Reaktion in Deutschland nach Frankreich geflohen. Heine habe sich immer wieder verliebt, so Stallkamp, was wiederum zum Grundthema seiner frühen Lyrik geworden sei: „Poesie wie in Honig getauchter Schmerz“, wie Heine es selbst genannt habe, „schöne Wiege meiner Leiden“.

Heine sei ein neuer Dichtertypus in Deutschland geworden, so deutete der Vortragende. Viele seiner Gedichte seien nicht mehr so feierlich, pathetisch und gespreizt, sondern ironisch und gesellschaftskritisch. Die kämen leichtfüßig daher. „So leicht“, hätten die einen gesagt, „viel zu leicht“ die an-deren, zugleich bewundernd, dass deutsche Sprache dies könne.

Heines habe in seinem berühmtesten literarischen Werk „Deutschland. Ein Wintermärchen“ alle seine Facetten gezeigt: „romantisch, sentimental, ironisch, satirisch, witzig, spöttisch, tagespolitisch wie visionär“. Stallkamp bezeichnete Heine als Patrioten im besten Sinne des Wortes. „Heines Waffe ist das Wort.“ Ihm sei es gelungen, seine Frechheiten an der Zensur vorbei zu schmuggeln.

Heine habe von einem weltoffenen Deutschland geträumt, sei Patriot und Weltbürger zugleich gewesen, damit seiner Zeit weit voraus, habe sich gegen einen falsch verstandenen deutschtümelnden Patriotismus gewandt.

Der Referent ging auch auf Heines Position hinsichtlich Religion und Philosophie ein. Dieser schreibe selbst, „dass ich als Dichter sterbe, der weder Religion noch Philosophie braucht und mit beiden nichts zu schaffen hat“. Weder die Herren der Religion noch die der Philosophie würden jemals den Dichter verstehen. Man könne sagen, so Stallkamp, weil in jenen Sprachen das Wissbare fest geworden sei und in dieser Starrheit schon wieder falsch. Der Dichter jedoch mache das Feste wieder flüssig, erfasse es in seiner Wahrheit.

Das Poetische in der Religion

So habe Heine in der Religion nicht mehr das Dogmatische gesehen, sondern das Poetische. Heine habe einen Weg gefunden, der Demut und Rebellion, Erhebung und Anklage gleichzeitig möglich mache. Heine habe alles werden wollen, „bloß nicht Dichter“, man hatte ja noch nie von einem glücklichen Dichter gehört.

Dahner vertiefte die Ausführungen mit den zu unterschiedlichen Phasen des Vortrags passend interpretierten Stücken „Theme“, „Sound of Silence“ und „My Way“. Arz traf mit ihrer Zusam-menfassung „es war ein ganz toller Vortrag“ und „klasse Musiker, gefühlvoll“ wohl die Gedanken aller im Saale. Es gab starken Applaus für beide Protagonisten. hpw