Wertheim

Historische Quellen ausgewertet Welche Rolle Wertheim in der Familiengeschichte des Gründers der Genossenschaften in Deutschland, Friedrich Wilhelm Raiffeisen, spielte

Raiffeisens Verbindung in das Taubertal

Archivartikel

Vorfahren des Sozialreformers Friedrich Wilhelm Raiffeisen machten auch in Wertheim Station.

Wertheim. Der älteste bisher bekannte Vorfahre, der Müller Hans Rauffeisen, kam 1547 ins Bürgerrecht von Ravensburg. Sein Sohn, der Nestler Georg Rauffeisen (I), siedelte 1562 nach Schwäbisch Hall über, wo Sohn Georg Reifeysen (II) und Enkel Georg Raiffeisen (III) ebenfalls im Nestlerhandwerk tätig waren. Ersterer aufstieg durch Heirat in die Familie Firnhaber sozial auf. Urenkel Hans Georg Raiffeisen ging nach dem Dreißigjährigen Krieg nach Möckmühl. Hier haben er und Sohn Johann Peter als Glaser gearbeitet. Und hier wurde in der nächsten Generation am 26. Dezember 1715 Johann Adam Raiffeisen geboren, den es zeitweise nach Wertheim verschlagen hat.

Neuentdeckung in Kirchenbuch

Forschungsintern ist schon lange bekannt, dass Johann Adam Raiffeisen einige Jahre als Kammerlakai im Dienst des evangelischen Grafen Friedrich Ludwig zu Löwenstein-Wertheim-Virneburg stand. Dass er zugleich als Musiker beim Grafen tätig gewesen sein soll, und zwar seit 1738, wird im Schwabenland behauptet, lässt sich jedoch vor Ort nicht belegen. Bislang fehlt jegliche Nachricht zu einer etwaigen Musikeinrichtung am bescheidenen Grafenhof Friedrich Ludwigs in Wertheims Maingasse. Man kann allerdings gespannt sein, ob die württembergischen Quellen etwas Gegenteiliges offenbaren.

Unter den zahlreich zusammengestellten Fakten der Raiffeisen-Genealogie fehlte seither ein Nachweis, wo und wann Johann Adam Raiffeisen seine Ehe mit der Langenburger Weißgerbertochter Charlotta Juliana Brumm (alternativ Bromm) geschlossen hat. Diesem Mangel wird jetzt abgeholfen.

Denn neuerdings entdeckte ich den Traueintrag im Kirchenbuch von Niklashausen. Er ist allem Anschein nach so lange unbeachtet geblieben, weil Pfarrer Waranay den Bräutigam missverständlich als „Reißeisen“ ausgewiesen hat. Der Wortlaut: „1741 den 16. Febr[uarii] ist Joh. Adam Reißeisen, von Möckmühl geburtig, s[eine]r hochgräfl[ichen] Gnaden Graf Friderich Ludwigs zu Lowenstein Werth[eim] gewesener Laquay, mit Charlotta Juliana Brumin aus Langenburg, allhier privatim ehlich copuliret worden, jussu Superiorum“.

Bemerkenswerte Hinweise geben zwei Stellen. Zum einen wird Raiffeisen „gewesener“ Lakai genannt, zum anderen heißt es am Schluss, „jussu Superiorum“, auf Befehl von oben sei die Trauung dem Niklashäuser Pfarrer zugewiesen worden. Er sollte sie „privatim“ vollziehen, also auf seinem Studierzimmer, abseits aller Öffentlichkeit. Es muss triftige Gründe gegeben haben, dass die Trauung nicht in der Wertheimer Stadtkirche vorgenommen wurde.

Weißer Fleck in der Geschichte

Spekulativ bleibt auch die Frage, wie sich erklären lässt, dass der „gewesene“ gräfliche Lakai Raiffeisen acht Jahre später tatsächlich wieder als Hoflakai des Grafen Friedrich Ludwig auftritt, jetzt im Stadtwertheimer Taufbuch und als Vater eines Kindes. Sofern er 1741 entlassen war, muss er zu unbekanntem Zeitpunkt wieder eingestellt worden sein. Allerdings ist ein längerer auswärtiger Aufenthalt anzunehmen, denn in der Zwischenzeit nach 1741 sind keine Kinder in Wertheim geboren. Dies ist erst 1749 der Fall.

Der Kirchenbucheintrag lautet: „Den 15. December ist Johann Adam Reifeisen, Hoflaquay bey des hochgeb[orenen] Grafen und Herrn Fridrich Ludwig hochgrafl[iche] Gnaden, ex uxore Charlotta Juliana ein Sohn gebohren, den nachfolgenden Tag getauft und Johann Carl Ludwig genant worden, wobei die Gevattter-Stelle in Person vertreten der hochgebohrne Graf u. Herr Johann Carl Ludwig, des hochgebohrnen Grafen und Herrn Johann Ludwig Volraht, Senioris illustrissimae Domus Leonsteinianae, ältester hochgräflicher Sohn, assistente Excell. D[omi]no Johannes Friderico Stroebelio, Consiliario Aulico“.

Wertschätzung genossen

Ausweislich der hochgestellten Patenschaft genoss Kammerlakai Johann Adam Raiffeisen jetzt erhebliche Wertschätzung aufseiten seines gräflichen Herrn. Da der Pate selbst, Erbgraf Johann Carl Ludwig, erst knapp elf Jahre alt war, assistierte als Beistand bei der Taufe der Hofkammerrat Johann Friedrich Ströbel.

Der Täufling sollte der Familie Raiffeisen endlich auch den Eintritt in die akademische Welt bringen. Während Vater Johann Adam nach seiner Wertheimer Zeit die Schulmeisterstelle in Eschach bei Gaildorf erhielt – im Limpurgischen also, wo die evangelischen Grafen Löwenstein die Teilherrschaft ausübten und wo Johann Adam Raiffeisen am 17. März 1768 starb – studierte der Sohn Theologie. Offensichtlich genoss er weiterhin die Protektion seiner Patenfamilie. Denn 1776 wurde er Pfarradjunkt im ebenfalls zum Löwensteinischen Herrschaftsbereich Limpurg gehörenden Mittelfischach. Schon zwei Jahre später erhielt er die dortige Pfarrstelle, die er bis zu seinem Tod am 8. Februar 1814 versah.

Johann Carl Ludwig Raiffeisen heiratete am 25. Mai 1778 in Frickenhofen die Pfarrertochter Juliana Sibylla Veiel aus Sontheim. Unter den neun Kindern war es der 1782 drittgeborene Gottfried Friedrich Raiffeisen, den es als Kaufmann nach Hamm an der Sieg zog, wo er Bürgermeister und 1818 Vater des nachmals ideenreichen Friedrich Wilhelm Raiffeisen wurde. Wie gezeigt, darf man den Einfluss, den die Wertheimer Verhältnisse beim Werdegang der Familie spielten, als nicht unerheblich bezeichnen.