Wertheim

Kabarett „Dreggsagg“ Michl Müller strapazierte die Lachmuskeln des Publikums bei seinem Auftritt auf der Wertheimer Burg

Reise durch den alltäglichen Wahnsinn

Wortakrobat Michl Müller strapazierte bei seinem Auftritt auf der Burg die Lachmuskeln gewaltig.

Wertheim. „Müller … nicht Shakespeare!“ Der selbst ernannte „Dreggsagg“ aus der Rhön lockte knapp 800 Besucher auf die Wertheimer Burg, die mit ihm lachten, sangen und einen glanzvollen Abend erleben durften.

Im Galopp kam der Michl vom Hundertste ins Tausendste. Sie hat einfach gestimmt, die Chemie zwischen dem „Rhöner Dreggsagg“ und dem „Werdemer“ Publikum. Politik, Alltagsgeschehen, verrücktes Allerlei und unglaubliche Boulevardgeschichten hat Michl Müller in sein aktuelles Programm gepackt.

Der Wortakrobat war pausenlos wie ein Tiger auf der Bühne unterwegs, suchte die Nähe zum Publikum und setzte Singen als zusätzliches Aufputschmittel ein. Er wurde schon nach kurzer Zeit gefeiert und bejubelt.

Tabus kennt Michl Müller keine. „Wer macht Intimrasur?“ Michael aus Königheim outete sich und war fortan der Fixpunkt des quirligen Kabarettisten. Die Menschen im Burggraben schwitzten, vielmehr noch einer der beliebtesten Kabarettisten Süddeutschlands: Schweiß auf der Stirn und sein Hemd nass. Im Gegensatz zu seinem Publikum hatte er ein zweites T-Shirt dabei.

Authentischer Humor

Der Humor von Müller – er kommt aus Garitz bei Bad Kissingen – ist lebensnah und authentisch. Mitreißend und scharfsinnig lästerte er über E-Bike-Fahrer und spottete über Trampoline, die mittlerweile fast in jedem Garten stehen. „Die schauen aus wie Greifvogelgehege, das ist nicht nur für Kinder, da machen die Eltern Paartherapie.“

Packend und mitreißend war seine Reise durch den alltäglichen Wahnsinn. „Markus Söder ist der Lothar Matthäus der bayerischen Politik“, ätze Müller. Die Kreuze im Finanzamt seien einfach inkonsequent, vielmehr gehöre da noch ein Beichtstuhl dazu.

Mit seinem spitzbübischen Charme und dem fränkischen Dialekt hatte er das Wertheimer Publikum auf seiner Seite. Kurz sein Ausflug in die Bundespolitik: „Selbst Eierlikör hat mehr Prozente als die SPD.“ Julia Klöckner ist die Kartoffelkönigin der Regierung und Ursula von der Leyen hat mehr Kinder als funktionierende Euro-Fighter. Müller reimte das Soldaten-Leid: „Vor Not und Elend steh ich hier, ich bin ein Panzergrenadier.“

Lieder heizen ein

Der Kabarettist beleuchte die von ihm beobachten Absurditäten: „Der Franke ist ein innerlicher Typ, außen Beerdigung und innen Neujahrsempfang.“ Manchmal erlebe der Franke auch Tage, an denen er besser nicht aufgestanden wäre. Müller hatte eigens ein Lied für „Scheiß-Tage“ getextet. Mit Lachen quittierten 800 frohe Menschen seinen neuen Song: „Maschin kaputt.“ Zwischendurch immer wieder der rote Faden: Shakespeare. Müller stellte klar, dass es er ist und eben nicht Shakespeare. Der meldete sich zwar hin und wieder in Form eines Totenkopfes zu Wort, sächsisch sprechend.

Müller analysierte Romeo und Julia: „Die Julia war nicht die Hellste, die hatte nicht alle Kerzen auf der Torte.“ Der Spaßmacher berichtete von seiner Reise nach Verona: „Da geht es zu wie auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt, nur ohne Glühwein und Lebkuchen.“ Abgegriffen sei die rechte Brust von Julia: „Das ist Globuli zum Anfassen.“

Bratwurst-Leberkäs-Intoleranz

Liebe nicht nur zwischen Romeo und Julia war das Thema. Müller fing bei Adam und Eva an und endete bei Helene Fischer und Florian Silbereisen. Stimmung und Schweiß waren angesagt. Michl Müller glänzte mit einem Lied im Stil von Helene Fischer, die Armbewegungen lösten beim Publikum Lachkrämpfe aus.

Der Krampf bei der Ernährung war Müllers Herzensangelegenheit: „Erst der Selfie, dann der Smoothie.“ Oder: „Wer ist denn auf die Idee gekommen, dass man Kopfsalat pürieren muss?“ Das seien wohl Menschen mit BLI, also für Bratwurst-Leberkäs-Intoleranz. Müller machte sich Gedanken über sein Ende: „Ich möchte eine schöne Beerdigung.“ Er lieferte Stilblüten: „Ich mag das, wenn Vereinsvorsitzende Trauerreden halten, ich bin mittlerweile bei 80 Vereinen.“

Als großen Schmarrn schimpfte Müller über Junggesellenabschiede. „Was war so ein Polterabend schön“, schwelgte der Kabarettist in Erinnerungen. Bäder sind nach dem Polterabendkalender saniert worden, so wurden Waschbecken und Kloschüsseln einer weiteren Verwendung zugeführt. Viel Beifall am Ende eines grandiosen Auftritts.

Michl sang nicht einfach eine Zugabe, sondern bot ein Medley seiner allerschönsten Lieder. Den „Vollwärmeschutz der Liebe“, „Die Ingwerreibe“ und ganz zum Schluss seine Kindheitserinnerung. Keiner saß mehr auf seinem Stuhl – nach drei Stunden ein großer Chor voller Begeisterung.

Es gibt wohl nichts, was einen fränkischen Bub mehr mit einem Metzgerladen verbindet, als eine Gelbwurstscheibe. Die Frau, die jeder seit seiner Kindheit kennt, wird von ihm besonders gewürdigt und gefühlt ganz Wertheim hatte den Liedtext vorher auswendig gelernt: „Und zum Abschied schenkt sie mir ’ne Scheibe Gelbwurscht.“ Welch eine Hommage an alle lächelnden Fleischereifachverkäuferinnen.