Wertheim

Deutsche Nachkriegsgeschichte Siebtklässler des DBG beschäftigen sich mit Plakaten der deutsch-deutschen Gründerjahre

Schüler analysieren die „heile Welt“ der Propaganda

Archivartikel

Wertheim.„Was ist der Sinn des Lebens?“, „Was ist Glück?“ und „Was ist das für eine Zeit, in der wir leben?“ – drei Fragen, die sich besonders Jugendliche am Anfang ihres Wegs ins Leben stellen. Drei Fragen, die aber auch dem Buch „Vom Sinn unseres Lebens“, das jedem DDR-Jugendlichen bei der sogenannten Jugendweihe überreicht wurde, in den Geleitworten stehen. Und drei Fragen, die sich die Menschen nach dem Zusammenbruch NS-Deutschlands und der Gründung der beiden deutschen Staaten stellten.

Nach welchen Maßstäben ist ein neues, besseres Deutschland nach den Verbrechen des Nationalsozialismus aufzubauen? Mit dieser Phase der deutschen Nachkriegsgeschichte befassten sich Schüler der siebten Klassen des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums Wertheim mit ihrem Lehrer Andreas Jost an Hand von Propaganda- und Filmplakaten der 1950er Jahre im Kunst-Unterricht theoretisch wie praktisch.

Die fünfziger Jahre verbergen sich noch immer hinter einer Nebelwand von Klischees. Für die Aufbaugeneration bedeuteten sie wiedergewonnene Normalisierung und einen zukunftsträchtigen Blick nach vorne, nach einer Epoche voller Zerstörungen und Unsicherheit. Die Apologeten des westdeutschen „Wirtschaftswunders“ erklärten sie zu Jahren spannender Modernisierung mit geglückter Demokratisierung und Westintegration.

Im Gegensatz dazu wurde sie von waschechten Linken nur als wabernd-düstere Zeit der rückwärtsgewandten Restauration gesehen, deren patriarchal-behäbiger CDU-Staat die Entnazifizierung mangelhaft betrieben und die NS-Vergangenheit weitgehend verdrängt habe. Dadurch sei eine dem Materialismus blind huldigende Wohlstandsgesellschaft entstanden, deren autoritäre Ordnungsliebe gepaart gewesen sei mit einer motorisierten, aber kulturellen Biedermeierlichkeit. All das sei erst 1968 vom lichten Aufbruch der Revoluzzer-Generation der APO beendet worden.

Und die DDR? Ihre staatstragenden Historiographen behaupteten notorisch, dass ihre Gründung die „Geburt eines neuen Deutschlands“ gewesen sei und sie beanspruchten die „fortschrittlichsten Traditionen“ der gesamten deutschen Geschichte durchgängig für diesen aus dem Willen Stalins geborenen deutschen Teilstaat. Im Revolutionsjahr 1989 schien die Antwort für viele eindeutig: Damals gingen Hunderttausende in der DDR auf die Straße, um gegen die Diktatur der SED, für Reisefreiheit und bessere Lebensverhältnisse zu demonstrieren. Heute wird der Alltag in der DDR häufig verklärt. Es sei nicht alles schlecht gewesen.

Gab es tatsächlich so etwas wie eine „heile Welt“ inmitten der Diktatur? Waren nicht die propagierten Ideale der Verwirklichung von Humanismus, der Behebung wirtschaftlicher Not, der Sehnsucht nach Glück und Frieden, der Völkerfreundschaft und Solidarität, der „Auferstehung aus Ruinen“, wie sie in der DDR-Hymne von Johannes R. Becher benannt werden, ehrenwert?

Ließen sich nicht wenige Jugendliche von einer Aufbruchsstimmung in Ostdeutschland erfassen, wenn es hoffnungsfroh in der gleichen Hymne an die Jugend gerichtet heißt: „Lasst uns pflügen, lasst uns bauen, lernt und schafft wie nie zuvor, und der eig´nen Kraft vertrauend, steigt ein frei Geschlecht empor. Deutsche Jugend, bestes Streben unsres Volks in dir vereint, wirst du Deutschlands neues Leben.“

Auf der anderen Seite stehen Bespitzelung und Gesinnungsschnüffelei durch die Staatssicherheit, tote und verletzte „Republikflüchtige“ an der innerdeutschen Grenze, Alleinherrschaft der SED-Staatspartei, kommandierte Mangelwirtschaft, politisch gelenkte Justiz und Presse, gefälschte Wahlen, Verfolgung Oppositioneller sowie mangelnde Gewaltenteilung.

Dies alles war der gesellschaftspolitische Hintergrund der im Unterricht behandelten Plakate, die vor allem eines wollen: auffallen. Als politische Plakate oder Werbeplakate richten sie sich an ein Massenpublikum. Indem sie Zustimmung erheischen, informieren, werben und diffamieren sie. Entsprechend auffällig, eingängig und wirkungsvoll waren sie gestaltet. Wer ansprechen will, muss auch die Selbst- und Leitbilder der Betrachter treffen – anders hat er mit seiner Werbung keinen Erfolg.

So spiegeln Propaganda- und Werbeplakate zeittypische Interessen, Haltungen, Bedürfnisse und Sehnsüchte recht zuverlässig wider. Die Schüler des DBG analysierten im Unterricht zunächst die historischen Hintergründe, bevor jeder intensiv an einem selbstgewählten Plakat arbeitete. Plastizität und Farbigkeit auf einem weißen Blatt Papier nachvollziehend zu erzeugen, waren große Herausforderungen für die jungen Künstler, die sich von der Faszination von heroisch dargestelltem sozialistischem Heldentum oder inniger Heimatfilmmotive in den Bann ziehen ließen.

Letztlich stellt sich die Frage: Wofür setzt man sich ein, wofür lässt man sich instrumentalisieren? Was ist richtig, was falsch? Oder wie der ostdeutsche Schriftsteller Reiner Kunze in seinem Werk „Am Sonnenhang“ im Jahr 1993 meinte: „Niemand ist dagegen gefeit, im Namen von Idealen verführt zu werden. Und alle tun wir irgendwann Unrecht. Schwer entschuldbar sind einzig die Lüge von heute und der Wunsch, dass jene Verhältnisse wiederkehren, die so viele Menschen haben schuldig werden lassen.“ dbg