Wertheim

Echt schräg Ehemalige Besitzer erzählen von ihren „Schätzen“, die sie dem Grafschaftsmuseum für die Sonderausstellung überlassen haben

Sinatra aus dem Schneewittchensarg

Archivartikel

In loser Folge werden die Fränkischen Nachrichten Exponate der Ausstellung „Echt schräg“ samt ihren Besitzern und deren Geschichten vorstellen. Den Anfang macht Brigitte Schweitzer mit ihrem „Schneewittchensarg.“

Wertheim. Was heute DCM 2020/12 oder CMT SX7B heißt, trug früher so klangvolle Namen wie „Der Herr im Frack“, die „Goebbelsschnauze“, der „Katzenkopf“ oder der „D-Zug“. Lange Zeit erhielten Radios und später auch die ersten Kompaktanlagen auf Grund ihres Aussehens einen Spitznamen, unter denen sie bis heute bekannt sind.

Der „Schneewittchensarg“ ist so ein Exemplar. Eigentlich trägt die Kombination aus Radio und Plattenspieler die Bezeichnung „Phonosuper SK 4“. Diese Kombination wurde von der Firma Braun 1956 auf den Markt gebracht. Sie kostete damals laut Prospekt 259 DM und hatte eine Besonderheit: den Plexiglasdeckel. Der sorgte dann auch für den Spitznamen „Schneewittchensarg“.

„Ich war so stolz, als ich ihn endlich hatte.“ Noch heute leuchten Brigitte Schweitzers Augen beim Anblick ihres „Schneewittchensargs“.

Die gebürtige Wertheimerin studierte in München und Hamburg Deutsch und Geschichte. In Hamburg teilte sie sich mit einer anderen jungen Frau eine Wohnung. „Das Wort Wohngemeinschaft gab es damals noch nicht“, erzählt Brigitte Schweitzer.

In den Semesterferien arbeitete die Studentin bei der Firma Beiersdorf für 1,68 DM pro Stunde. Herren bekamen damals automatisch 1,90 DM für die gleiche Arbeit, empört sie sich heute noch. Das erarbeitete Geld sparte sie.

Ein Phonosuper

1962 war es dann soweit. Der Vater der Mitbewohnerin hatte ein Elektrogeschäft. Hier konnte sie ihren Phonosuper SK 4 kaufen. „Ein klein bisschen günstiger“, schiebt sie etwas leiser nach und hält verlegen die Hand vor dem Mund.

„Ich fand das Gerät unheimlich gut. Es war modern, durchsichtig, praktisch , klein – einfach der Renner“, schwärmt sie. Die bis dahin üblichen großen Musiktruhen aus Holz bezeichnet sie heute noch als „potthässlich“.

Von da an gehörte die Anlage zu ihrem festen Besitz. Einen besonderen Platz in ihrem Zimmer hatte die Anlage nicht, „das war ja viel zu klein“, erinnert sie sich. Das Gerät machte mehrere Umzüge innerhalb Hamburgs mit, war ein treuer Begleiter während der Referendarzeit in Karlsruhe und natürlich an ihrem späteren Wohnort in Wertheim.

Viele Jahre hat sie sowohl Plattenspieler als auch Radio eifrig genutzt. Und weil es sich bei ihrem Gerät um das Nachfolgermodel SK 4/1 handelte, konnte sie die Schallplatten mit einer Geschwindigkeit von 78, 45, 33 und sogar 16 Umdrehungen hören und dabei getrennt schon die Höhen und Tiefen regeln.

Von Bach bis Piaf

Auf die Frage,was sie denn am meisten auf dem Plattenteller gelegt habe, braucht Brigitte Schweitzer nicht nachdenken: Klassiker wie Bach und Mozart hat sie immer schon gern gehört. Aber es lief durchaus auch Jazz oder Frank Sinatra und natürlich Edith Piaf. Die Platten sind übrigens bis heute in ihrem Besitz und allesamt aus Vinyl. Denn der SK war nicht nur optisch, sondern auch technisch auf der Höhe der Zeit und unter anderem mit einem Kristall-Tonabnehmer mit Saphirnadeln ausgestattet.

Wenn Brigitte Schweitzer Radio hören wollte, dauerte das allerdings nach dem Anschalten noch einen Moment. Immerhin handelt es sich bei diesem Braun um ein Radio, das noch mit Röhren bestückt ist, die sich erst einmal aufheizen mussten. Obwohl das Radio eine integrierte Ferritstabantenne besaß, kam die damals durchaus noch übliche sogenannte „Wurfantenne“ für einen besseren Empfang bei ihr zum Einsatz.

Erst vor einigen Jahren löste dann amerikanische Technik das Braun-Gerät im Wohnzimmer ab. Weil der helle Schneewittchensarg für den Keller zu schade war, fragte Brigitte Schweitzer im Museum an.

„Eigentlich haben wir ja so etwas wie einen Aufnahmestopp im Museum. Aber das Phonogerät war so besonders, dass wir es gern genommen haben“, erzählt Dr. Constanze Neuendorf.

Und jetzt hat es in einem alten Reisekoffer in der Sonderausstellung „Echt schräg“ einen würdigen Platz gefunden.