Wertheim

Archivverbund Main-Tauber Dr. Frank Kleinehagenbock referierte zum Thema „Die Grafen von Wertheim und der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges“

Spiegel der Zerrissenheit und Verunsicherung

Archivartikel

Bronnbach.Etwa 70 Zuhörer waren am Mittwochabend im Vortragssaal des Archivverbunds Main-Tauber bei einem Vortrag von Dr. Frank Kleinehagenbrock mit dem Thema „Die Grafen von Wertheim und der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges“. Das etwa einstündige fundierte Referat speiste sich aus neuen Forschungen.

Kleinehagenbrock sprach bezüglich des Dreißigjährigen Kriegs drei Problemkreise an, welche 1618 noch keiner Lösung hätten zugeführt werden können, was erst 1648 beim Westfälischen Frieden geschehen sei. Zum einen sei es um die Frage der Konfessionen gegangen, wobei deren Verschiedenheit ein prägendes Merkmal seit der Reformation gewesen sei. Dabei seien die Konfessionen konfrontativ aufeinander zugesteuert.

Zum anderen sei die Reichsverfassung im Wandel begriffen gewesen. Institutionen wie der Reichstag oder die Reichskreise hätten ab 1600 nicht mehr funktioniert und es seien bei verhärteten Fronten keine Lösungen der großen Probleme mehr möglich gewesen. Zum dritten hätten sich im Verhältnis der europäischen Dynastien untereinander die Spannungen verschärft. Der Konflikt zwischen dem Hause Habsburg und dem französischen König sei sichtbar geworden und es habe zwei Zweige des Hauses Habsburg gegeben, auch den Konflikt in den Niederlanden.

Diese Ebenen seien nicht voneinander zu trennen, so Kleinehagenbrock. Die Religion habe polarisiert und aufgrund einer „kleinen Eiszeit“ sei es ab 1570 bei insgesamt gewachsener Bevölkerung zu einem Rückgang der Ernten gekommen, zu einer wirtschaftlich sehr angespannten Situation um etwa 1600 und sozialen Spannungen bis zum Aufruhr.

In Böhmen, so der Referent, habe es eine Angst der Stände um ihre Freiheiten gegeben, Aufruhr bis hin zum Prager Fenstersturz. Die Auswirkungen blieben jedoch nicht lokal begrenz. Die Beteiligten hatten andere Auseinandersetzungen im Hinterkopf, die Konfliktlinien vermischten sich.

Auf tönernen Füßen

Die Grafen von Wertheim hatten das Burgareal zu einem prächtigen Bauwerk gemacht, auch um politische Ansprüche zu verdeutlichen. Diese seien jedoch bereits um 1600 auf tönernen Füßen gestanden. In der Würzburger Fehde hätten die Grafen von Wertheim den Kürzeren gezogen, an Einfluss und Macht verloren. Kleinehagenbrock ging näher auf die einzelnen Grafen von Wertheim ein und deren Wirken zu jener Zeit. Die Grafen hätten Optionspolitik gepflegt. Die Grafen indes mussten Anlehnung suchen, so der Referent, um Sicherheit für die eigene Dynastie zu erlangen.

So sei es man zum einen zu einer politischen Positionierung in Richtung der katholischen Liga gekommen, andere seien der evangelischen Union zugeneigt gewesen, beide Linien jeweils mit großem Eifer handelnd. Das Ziehen an unterschiedlichen Strängen habe letztlich in einer Konfrontation geendet.

Der Fachmann ging auch der Frage nach, was der Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs für die Menschen hierzulande bedeutet hatte. In Wertheim hatte man Waffen eingelagert, Wehranlagen ertüchtigt, die Untertanen sollten Vorräte anlegen. Seit 1619 sei es zu regelmäßigen Bet-Tagen gekommen, um den Folgen des Krieges durch verstärkte Frömmigkeit zu begegnen. 1621 seien erste Truppen durch Wertheim und die Gegend gezogen, was später verstärkt vorgekommen sei.

Die Truppen hätten sich in Wertheim ebenso wie in den umliegenden Dörfern einquartiert. Ab 1625 beziehungsweise 1626, so Kleinehagenbrock, habe es durchaus auch längere Einquartierungen gegeben, wobei manche zur Plage geworden seien – „wie ein Besatzungsregime“. Insgesamt hätten die Dörfer grundsätzlich Unterkunft gewähren müssen. Der Rest sei Sache von Verhandlungen gewesen, was aber in der Grafschaft Wertheim eher schlechter funktioniert habe.

Der Fachmann zog das Fazit, dass die Grafen von Wertheim beim Dreißigjährigen Krieg im Grunde einen Spiegel der Zerrissenheit und der dynastischen Unsicherheit gezeigt und deutlich ihre Grenzen erfahren hatten. Während sich das Gesamtsystem stabilisiert habe, seien die Mindermächtigen noch weiter mindermächtig geworden. Der Krieg habe über Jahrzehnte den Alltag bestimmt und durch eine ständige Abfolge von Durchzügen sowie Einquartierungen Strukturen zerstört.

Der Vortrag erhielt viel Beifall. Die Gelegenheit zu ergänzendem Austausch im Großen und im Kleinen wurde ausgiebig genutzt. hpw