Wertheim

Historie Förtschhaus aus dem Jahr 1609 in der Friedleinsgasse hat gleich mehrfache Bedeutung für die Stadt

Vom Rotgerber bis zum Bundespräsident

Archivartikel

Wertheim.Es war ein vielbeachteter Kantatengottesdienst, der am Ostermontag unter der musikalischen Leitung der Bezirkskantorin Katharina Wulzinger in der Wertheimer Stiftskirche stattfand. Es wurden Werke des in Wertheim geborenen Barockkomponisten Johann Philipp Förtsch aufgeführt. Das Stammhaus der Familie Förtsch ist in Wertheim bis heute erhalten.

In der Friedleinsgasse

Immer wieder trifft man Gästeführer mit ihren Gruppen an der Friedleinsgasse 12 in einem scheinbar unauffälligen Innenhof.

Und doch hat dieses Anwesen in zweierlei Hinsicht eine große Bedeutung, beispielsweise aus städtebaulicher Sicht. So heißt es im Werteplan des Landesdenkmalamts Baden-Württemberg: „Die durchaus noch mit qualitätvollen Baudetails ausgestattete Baugruppe in wichtiger städtebaulicher Lage an der Stadtmauer und am Eingang der Friedleinsgasse ist ein erhaltenswerter Bestandteil des Gesamtanlage Wertheim“.

Bedeutsam für das Stadtbild

Gerade diese Beschreibung macht deutlich wie empfindlich diese Situation und wie bedeutsam das Ensemble für das Stadtbild Wertheims ist – an der Stadtmauer und an der Ecke Friedleinsgasse und ehemaligen Rittergasse. Die bauliche Situation ist in etwa auf dem Merian-Stich von 1648 wiedergegeben.

Zum anderen ist das „profilierte Portal mit Wappen im nördlichen Querbau“ ein sichtbares Zeugnis für die stadtgeschichtliche Bedeutung des Areals. Es trägt die Jahreszahl 1609 und die Initialen „I.P.“ und ein scheinbares Wappen, das mit der Darstellung eines Gerbermessers für Handwerkszeichen steht.

Kurt Bauer hat in seinen zahlreichen Führungen und seinem Vortrag über die Wertheimer Handwerkszeichen den Blick auf dieses Symbol gelenkt. Es weist auf den Beruf des Hausbesitzers hin. Jakob Förtsch d. Ä. ließ eben dieses Anwesen 1609 gestalten. Sein Sohn Jakob Förtsch d. J. (1599 bis 1659) war auch Rotgerber und zudem Ratsherr. Er hatte aus zwei Ehen insgesamt 16 Kinder. Aus der zweiten Ehe des Jakob Förtsch d. J. mit Margaretha Elbert (1618 bis 1693) gingen zehn Kinder hervor. 1646 wurde der spätere Theologe Philipp Jakob Förtsch (1646 bis 1691) geboren. Sein Bruder Michael (1654 bis 1724) war ein hoch angesehener lutherischer Theologe, der unter anderem auch in Straßburg, Tübingen und Jena auch als Professor tätig war.

Bewegtes Leben

Am 14. Mai 1659 wurde dann der Sohn Johann Philipp geboren. Sein Leben war äußerst bewegt gewesen, er erlangte große politische Bedeutung und war gleichsam auch ein Multitalent. Zunächst studierte er in Jena Medizin und in Bayreuth oder Halle Komposition.

Er reiste durch ganz Europa und war schließlich 1678 an der Hamburger Ratskapelle als Tenorist und Sänger sowie an der Hamburger Oper, die als erstes Opernhaus auf deutschen Boden damals gegründet worden war, tätig. Er auch wohl zwölf Opern komponiert, von denen leider wohl nur die Libretti erhalten blieben. Er schuf zudem zahlreiche geistliche Werke. Musikwissenschaftler stufen seine Kompositionen zwischen den Werken von Philipp Telemann und Johann Sebastian Bach ein.

1982 hatte Jörg Paczkowski Noten in der Staatsbibliothek Berlin und in der Landesbibliothek Schleswig-Holstein gefunden. Der Fund führte dazu, dass zwei Kantanten der damalige Stadtmusikdirektor Dieter Bender mit dem erweiterten Kirchenchor von St. Venantius aufführte.

Erst Kappellmeister

Förtsch wurde 1680 Kapellmeister am Hof des Herzogs von Schleswig-Holstein-Gottorf, ein Amt das er wegen politischer Unruhe nur kurz ausübte.

1681 promovierte Förtsch an der Universität Kiel zum Doktor der Medizin. Neben seiner medizischen Tätigkeit in Schleswig und Husum – den beiden Residenzstädten der Herzöge – war er auch weiterhin musikalisch in Hamburg tätig.

1694 wurde er Leibarzt und Hofrat des Fürstbischofs von Lübeck, August Friedrich von Schleswig-Holstein-Gottorf, der in Eutin residierte.

Nach dessen Tod übernahm er 1705 diplomatische Aufgaben zugunsten von Christian August von Schleswig-Holstein-Gottorf in Zusammenhang mit der Nachfolgekrise.

Dann Diplomat

Durch sein spontanes Handeln verhinderte Förtsch einen Krieg, weil er durch geschicktes Taktieren eine Inbesitznahme des gottorfschen Gebiets durch die Dänen verhinderte, den Bischofsstuhl in Lübeck erhielt und somit einen Krieg abwendete, was schließlich für ganz Schleswig-Holstein von Bedeutung sein sollte. Förtsch war vor allem als Arzt und Justizrat in Eutin und Lübeck tätig. Er starb am 14. Dezember 1732 im Alter von 81 Jahren.

Am 11. Mai 1982 besuchte ein Nachfahre von Johann Philipp Förtsch Wertheim, es war der damalige Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland Karl Carstens. Der Bundespräsident kam 1984 ein zweites Mal nach Wertheim.

Ihm zu Ehren wurde damals ein Förtsch-Konzert in Bronnbach veranstaltet.

Das Anwesen in der Friedleinsgasse ist also das Stammhaus einer deutschlandweit bedeutenden Familie, deren Geschichte vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht. Neben Bundespräsident Karl Carstens gehörte unter anderem der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr Friedrich Förtsch (1900 bis 1976) und auch der ehemalige Präsident Förtsch der Oberpostdirektion Stuttgart zur Familie. pac