Wertheim

Bei Convenartis Nicolas Schmidt überzeugte mit leisen Tönen

Welt durch die Augen von Schülern hinterfragt

Archivartikel

Wertheim.Laute Witze und Schenkelklopfer sind seine Sache nicht. Dafür sehnt sich Nicolas Schmidt zu sehr nach Stille. Trotzdem legte der Lehrer und Poetry-Slammer am Samstag beim Wertheimer Kleinkunstverein Convenartis ein rasantes Tempo vor, als er von den Erlebnissen seines Alter Egos „Herr Schmied“ inner- und außerhalb des Klassenzimmers berichtete.

Dabei beleuchtete er nicht nur den Alltag an einem bayerischen Gymnasium, sondern nahm auch durch die Fragen der Schüler Punkte wie Rechtsradikalismus, Freiheit oder die Mängel des Schulsystems auf eine etwas andere Art in den Blick. Um zwischendurch „wieder runterzukommen“ interpretierte er mit fester Stimme und Gitarre Folksongs, zum Teil selbst komponiert, teils von anderen Künstlern, vor allem Neil Young.

Es mag an den Ferien gelegen haben, dass sich nur etwa 30 Zuschauer für den Auftritt des Teilnehmers am „Wertheimer Affen 2017“ interessierten. Gerade Lehrer hätten sich sicher in den Schilderungen des Pädagogen wiedergefunden, etwa wenn es an der unpassendsten Stelle im Unterricht heißt: „Herr Schmied, darf ich mal aufs Klo?“ Geschickt variierte der Künstler mit seiner Stimme, um die Schlag auf Schlag abgefeuerten Lehrer-Schüler-Dialoge in Szene zu setzen. Dabei gelang es ihm, immer wieder urplötzlich Tiefe in seine Texte zu bringen, etwa wenn bei einem Malwettbewerb herauskommt, dass ein Junge zu Hause geschlagen wird. Hier merkte man das Interesse Schmidts, der 2016 den „Deutschen Lehrerpreis“ erhielt, an seinen Schülern. „Du gehst nicht verloren, Kai, das verspreche ich dir“, sagte er am Ende des Textes – und man glaubt ihm das.

Schmidt sparte nicht an Kritik am Schulsystem an sich, dem Sinn von Noten und dem Einbläuen von Fakten wie beim Pawlowschen Hund. Wenn dann der Unterstufenschüler das hinterfragt, machte das der Zuschauer ebenfalls. Der Künstler verfügte auch über eine gehörige Portion Selbstironie, wenn er etwa den Kids freundlichen Umgang predigt und selbst zwei schwätzende Schüler mit „Klappe“ ruhigstellt.

Philosophische Gedanken kamen immer wieder auf, so die Frage nach der Freiheit oder der Dialektik. „Kann etwas ohne sein Gegenteil existieren?“, fragt er die Schüler. Und so viel sei verraten: Diese gewinnen den verbalen Zweikampf.

Zwischendurch wurde es für die Besucher, die zum Teil sehr konzentriert sein mussten, um den vielen Gedankengängen zu folgen, wieder einfach nur situationskomisch nach dem Motto: „Das kenne ich doch auch.“ So gibt es einen Text, der beschreibt, was man morgens alles vor dem Unterricht erledigen muss. Treffender Kommentar Schmidts: „Früher hieß der Text ,zwölf Minuten’, heute heißt er ,18 Minuten’, das ist dem Einzug der Technik geschuldet.“ Warf man früher einfach einen Blick auf den Vertretungsplan, muss man heute erst mal das passende Computerprogramm verstehen.

Es war sicher im Vergleich zu anderen im Gewölbekeller eine eher ruhige Veranstaltung, aber eine, die den Zuschauer mit vielen Denkanstößen, lustigen Bildern und schönen Melodien im Kopf in seinen „Alltag am Rande des Wahnsinns“ entlassen hat. nad