Wertheim

Offener Singtreff Jeden Donnerstag wird im Familienbüro auf dem Wartberg gesungen / Buntes Repertoire / Kein Mitgliedszwang

„Wir singen, was das Herz anspricht“

Noch kann der offene Singtreff auf dem Wartberg weitere Musiker und Sänger vertragen. Aber die, die bisher kommen, singen leidenschaftlich gern.

Wertheim. Schon vor der Tür hört man das Knopfakkordeon (Bajan) sehnsuchtsvoll schluchzen. Doch dann setzen plötzlich glockenhelle Stimmen ein, die ein fröhliches Lied singen.

So ist es seit November vergangenen Jahres jeden Donnerstagnachmittag. Denn ab 16 Uhr treffen sich singfreudige Bürger im Familienzentrum am Wartberg. Und weil es ein offener Treff ist, kann jeder kommen, der Lust hat.

„Manchmal sind wir nur zu zweit, manchmal durchaus auch sechs oder sieben Sängerinnen“, erzählt Tatjana Gering. Sie ist seit über einem Jahr die neue Stadtteilkoodinatorin. Im Laufe ihrer Arbeit wurde mehrfach der Wunsch von Bürgern nach solch einem offenen Singtreff an sie herangetragen.

Offen heißt in diesem Fall: ein fester Treffpunkt im Familienzentrum zu einer festgesetzten Zeit, aber jeder, der Lust hat, kann kommen und niemand ist zur regelmäßigen Teilnahme verpflichtet. Es gibt keine Mitgliedschaft, keine Kosten für die Singfreudigen und keine Anwesenheitsliste, sondern nur den Spaß am Singen.

Eine lange Liste liegt dennoch auf dem Tisch. In ihr hat Tatjana Gering lediglich festgehalten, welche Lieder gern gesungen werden. Alle zwei Wochen kommt ein neuer Titel dazu. In kyrillischen Buchstaben steht da „Platt deutsch“, natürlich „Kalinka“ und „Ja lublú tebjá – heißt, ich liebe Dich“. Letzteres Lied wurde von der deutschen Sängerin Alexandra Ende der 60-er Jahre mit ihrer unverwechselbaren Stimme eingesungen. „Wir singen einfach, worauf wir gerade Lust haben, was das Herz anspricht“, sagt Tatjana Gering. Da kommt es schon mal vor, dass sich eine russische Volksweise mit einem ungarischen Hit oder dem deutschen Stimmungslied „Susanna“ abwechseln.

Irina Kruts ist eine von denen, die kaum einen offenen Singtreff verpassen. Sie singe leidenschaftlich gern, auch schon mal recht laut, lacht sie. Damit sich ihre Nachbarn in Bestenheid nicht beschweren, macht sie es eben im Singtreff.

Manchmal sitzen die Frauen rund um den Tisch, manchmal umringen sie Akkordeonspieler Waldemar und manchmal schmettern sie in die aufgestellten Mikrofone – gerade so wie’s passt.

Waldemar Schmidt ist von Anfang an dabei. Ihn hält es kaum auf dem Stuhl. Das Knopfakkordeon vor der Brust läuft er umher, summt ein wenig und spielt ganz leise zur Untermalung. Doch dann werden die Töne plötzlich lauter und irgendwie emotionaler. Waldemar Schmidt spielt furchtbar gern Lieder die von der Liebe und schönen Frauen handeln, gesteht er fast etwas verlegen. Und die spielt das Multitalent nicht nur auf dem Akkordeon. Gern begleitet er die Sängerinnen auch auf dem Keyboard oder der Gitarre. „Waldemar, spiel doch mal Devojko Mala“, ruft eine der Sängerinnen – und schon geht’s los.

An diesem Donnerstag hat Lydia Jetzlaff ihre Harmonika mitgebracht. Voller Stolz erzählt sie, dass dieses Instrument über einhundert Jahre alt ist, ihrem Uropa André gehörte und innerhalb der Familie immer weiter vererbt wurde, genauso wie die Liebe zur Musik. Lydia studierte Musik in Omsk und wurde Musiklehrerin an einer Schule. Seit 18 Jahren wohnt sie in Wertheim. Und so kommt, was kommen muss: Lydia und Waldemar legen ein auftrittreifes Duett hin – ohne Noten, versteht sich. Während eine flotte Polka folgt, zeigt Lydia Jetzlaff die alten Bilder von ihrem Harmonika spielenden Vater und Opa Karl herum. Richtig viel Spaß haben die Sängerinnen, als Waldemar das Schunkellied „Bubi, Bubi noch einmal, es war so wunderschön“ anstimmt. Auch Svetlana Fuchs ist an diesem Donnerstag ins Familienzentrum gekommen. Vom offenen Singtreff hat sie über die Zeitung erfahren. „Wir haben in unserer Familie immer gesungen, vor allem bei Familienfesten“, als sie davon erzählt, nicken die anderen zustimmend. Auch bei ihnen war das gemeinschaftliche Singen fester Bestandteil des Zusammenlebens. Inzwischen hat jemand aus der Gruppe ein Lied über einen „Apfelabend“ angestimmt. Sänger sind in diesem offenen Treff übrigens bisher Mangelware. Auch über weitere Hobbymusiker würden sich Tatjana Gering und die Sängerinnen freuen.

„Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz zu den bestehen Chören“, unterstreicht Tatjana Gering in aller Deutlichkeit. beim offenen Singtreff gehe es lediglich darum, Menschen zusammenzuführen die eben Spaß am Singen haben. Einen Auftritt können sich die Damen um Musiker Waldemar Schmidt trotzdem durchaus vorstellen, beispielsweise zur Woche der Diakonie oder wenn es gewünscht ist, bei Veranstaltungen auf dem Wartberg. Bis dahin werden sie ganz sicher noch ein paar Mal das jüdisch-russische Lied „Tumbalalaika“ voller Inbrunst gesungen haben – wie an diesem Donnerstag, an dem der sehnsuchtsvolle Gesang bis auf die Straße dringt.