Wittighausen

Alter Brauch Bayerische „Diebe“ klauten den Oberwittighäuser Maibaum und brachten ihn erst gegen eine ausgehandelte Auslöse von 50 Litern Bier und 50 Bratwürsten wieder zurück

Ein „Entführungsfall“ der besonderen Art

Archivartikel

Die Männer- und Burschenschaft Gaukönigshofen klaute am Montag den Oberwittighäuser Maibaum und gab ihn am Dienstag gegen 50 Liter Bier und 50 Bratwürste wieder zurück.

Oberwittighausen. Ein förmlich diebischer und noch dazu länderübergreifender Streich gelang einem vielköpfen Männerteam aus der unterfränkischen Gemeinde Gaukönigshofen in der Nacht zum Dienstag mit dem „Klau“ des Maibaums aus Oberwittighausen.

Rund 30 „Kidnapper“ am Werk

Der rund dreißigköpfigen Männer- und Burschenschaft gelang es, zwischen ein und zwei Uhr nachts vollkommen unbemerkt und ungehört den Maibaum des badischen Ortsteils der Gemeinde Wittighausen aus einem Hof zu „stibitzen“, wo er zur Aufstellung am Folgeabend vor dem 1. Mai-Feiertag lagerte.

Besonders kurios war, dass vor allem weder der eingesperrte Hofhund etwas bemerkte und bellend angeschlagen hatte noch der Hofeigentümer etwas vernahm, der zu dieser Zeit noch in einer Stube vor dem Fernseher saß, jedoch nach seinen Erzählungen davor eingeschlafen war. Und zwar nicht einmal, als die Gaukönigshofener Männer- und Burschenschaft beim ansonsten möglichst lautlosen Heraustragen des Maibaums an einen Flügel des offenen Hoftors gestoßen sei, wie sie ebenfalls äußerst vergnügt zum Besten gab.

Um die Verhandlungen über die Rückgabe sowie insbesondere über die Auslöse des entführten Maibaums zu erleichtern und zu beschleunigen, hinterließ der unterfränkische „Klau-Trupp“ sogar ein förmliches Bekennerschreiben, das in Laminat eingeschweißt war und mit der Überschrift „Wir haben Euren Maibaum entführt!!!“ tituliert war. Darin wurden 50 Liter Bier und 50 Bratwürste als Auslöse verlangt. Zudem war der dortige Bürgermeister Bernhard Rhein als Ansprechpartner in der Gemeinde Gaukönigshofen nebst dessen Telefon- und Mobilnummer genannt.

„Lösegeldforderung“

Am Dienstagvormittag nahm daraufhin speziell auch Wittighausens Bürgermeister Marcus Wessels interkommunal die Verhandlungen mit seinem unterfränkischen Amtskollegen auf. Zudem vermochte Wessels rasch Kooperationspartner zu gewinnen, die zur Stiftung des geforderten „Auslöseguts“ für den geklauten Maibaum bereit waren. 50 Liter Bier spendierte die Distelhäuser Brauerei sowie die 50 Bratwürste der Edeka-Frischemarkt von Matthias Landwehr in Unterwittighausen. Daraufhin konnte für den späteren Nachmittag die Rückgabe des Maibaums gegen Übergabe der verlangten Auslöse verabredet werden und erfolgen.

Dabei waren die Gaukönigshofener erneut mit einer vielzähligen Delegation vertreten, zu der diesmal auch ein dreiköpfiges Bläserensemble zählte, das für kräftige Musikklänge sorgte, als der von einem Schlepper gezogene Anhänger mit dem „Diebesgut“ zu dessen Rückgabe gegen die geforderte Auslöse nach Oberwittighausen einfuhr.

Zudem ließen es sich nebst zahlreichen Bürgern aus dem Ort, die das Ganze mit Humor nahmen, ebenso die beiden Bürgermeister Rhein und Wessels nicht nehmen, bei der Zeremonie dabei zu sein.

In diesem Rahmen gaben die „Entführer“ aus Gaukönigshofen noch weitere Einzelheiten ihres und anderer Coups preis. „Der Maibaum hat nach uns gerufen“, äußerte amüsiert „Kommunikationsleiter“ sowie Mitorganisator und Mitverhandlungsführer Tobias Grüb. Auf ihrem Arbeitsweg zwischen Unterwittighausen und ihrer Heimatgemeinde hätten zwei Mitglieder der Burschen- und Männerschaft bei offenstehendem Tor beobachtet, dass der Oberwittighäuser Maibaum dort lagere. Daraufhin sei der Plan entstanden und konkretisiert worden, in diesem Jahr diesen Maibaum zu entführen zu versuchen, was dann bekanntlich erfolgreich gelungen sei.

Diebesgut fachgerecht gelagert

„Wir sind inzwischen ‘Profis‘ auf diesem Gebiet“, berichtete der Sprecher. Dazu habe zum einen auch gezählt, das „Diebesgut“ fachgerecht gelagert zu transportieren, um es nicht zu beschädigen.

„Wir sind mit Eurem Maibaum genauso sorgsam und professionell umgegangen wie mit unserem eigenen sowie mit bereits in der Vergangenheit entführten Maibäumen“, bekräftigte Grub. Zum zweiten habe man den Transport auf der rund 15 Kilometer langen Distanz sorgfältig durch Begleitfahrzeuge abgesichert, die mit Warnblinklichtern ausgerüstet gewesen seien.

Mit Muskelkraft entführt

Schwieriger und mühsamer habe sich gestaltet, den Maibaum per Hände mit reiner Muskelkraft aus dem Hof zu entführen und über mehrere hundert Meter bis in Höhe des Steinbruchs aus dem Ort zu schaffen, wo der Schlepper mitsamt Anhänger zum Abtransport des Maibaums bereitstand.

Während dem Team dieser Coup mächtig Spaß bereitete, betonte der Sprecher, dass seine Kollegen und er nichts von Streichen wie etwa An- oder Umsägen von Maibäumen halten würden. Zum einen, weil man jegliche Gefahren oder Schäden ausschließen wolle. Zum zweiten, weil nur bei Rückgabe eines „geklauten“ und gänzlich unbeschädigten Maibaums eine Auslöse verlangt und verhandelt werden könne – wie sich zeigte, ebenfalls mit Erfolg für die Truppe aus Gaukönigshofen.

Übrigens drücken sowohl Polizei als auch Juristen bei diesem vor allem in Bayern und Teilen Österreichs alttraditionellem Brauchtum des Maibaumstehlens in der Regel die Augen zu – und zwar unter der Voraussetzung, dass weder in irgendeiner Weise eine Sachbeschädigung noch eine Verkehrsgefährdung erfolgt.

Unter diesen Bedingungen gilt also im Grund die Devise: „Es darf weiterhin geklaut werden“.