Wittighausen

Seniorenwerk Vorweihnachtlicher Nachmittag / Margareta Prax zieht ihre Zuhörerinnen in ihren Bann

Vorlesevergnügen kennt keine Altersgrenze

Archivartikel

Wittighausen.Hübsch vorweihnachtlich dekoriert sind die Tische im Gasthaus „Zum Bären“. Die letzten Zuhörer finden sich ein, schließen die Tür hinter sich und lassen den trüben, regnerischen Novembertag draußen. Gern ist Margarete Prax der Einladung der Senioren gefolgt, diesen Vorlesenachmittag zu gestalten. Als Lehrerin und Leiterin der Gemeindebibliothek hat sie mit „Leseratten“ jeden Alters zu tun. Sie weiß, dass Menschen, die ihr Leben lang gern gelesen haben, auch im Alter nicht darauf verzichten möchten. „Oft wollen die Augen nicht mehr so richtig mittun oder das eigenständige Lesen ist einfach zu anstrengend geworden“, erzählt Margarete Prax.

„Ältere Menschen sind dankbare, aufmerksame Zuhörer“, weiß Elisabeth Kandziora, Leiterin des Seniorenwerks, zu berichten. „Unvergessen ist die eigene Kindheit oder die Zeit, als sie selbst Vater oder Mutter waren und ihren Kindern vorgelesen haben – wertvolle Erinnerungen, die bis ins Alter lebendig bleiben.“

Sorgsam sind Geschichten, Gedichte und Märchen ausgewählt, die Margarete Prax einfühlsam und fesselnd vorträgt. „Abwechslungsreich sollen sie sein und keinesfalls zu lang“, erklärt sie und spannt einen weiten Bogen, beginnend mit dem vertrauten Gedicht von Theodor Storm „Von drauß‘ vom Walde komm ich her“ bis hin zum anrührenden Andersen-Märchen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“.

Köstlich amüsieren sich die Zuhörer über die meisterlich in fränkischer Mundart vorgetragenen kleinen Alltagsgeschichten von Wilhelm Wolpert. „Das Büblein auf dem Eis“ erinnert viele an ihre Schulzeit, und sie sprechen den Text mit: „Gefroren hat es heuer . . .“. Gelernt ist eben gelernt! „Hilfe, die Herdmanns kommen“ – die bringen Unruhe mit in einer turbulenten Weihnachtsgeschichte der besonderen Art.

30 Augenpaare sind aufmerksam auf die Vorleserin gerichtet. Der Funke springt sofort über. Sie versteht es, ihre Zuhörer in den Bann zu ziehen.

Sie liest lebendig und mit deutlicher Aussprache, hebt und senkt die Stimme, macht eine Pause, um das Gelesene auf die Zuhörer wirken zu lassen. Sie spricht ihre Zuhörer an, mit ihrer angenehmen Stimme, aber auch mit Augen, Gesicht und Mimik. Sie bezieht die Senioren mit ein etwa durch Fragen wie: Kennt ihr das auch? Habt ihr das auch schon einmal erlebt?

„Die Kommunikation ist wichtig und darf nicht kurz kommen. Viele ältere Menschen wünschen sich die Gelegenheit, von eigenen Erlebnissen und Erinnerungen zu erzählen“, weiß Margarete Prax. Hiervon wird begeistert Gebrauch gemacht.

Inzwischen ist der Nachmittag vorgeschritten. Die Dämmerung blickt durch die Fenster, man rückt zusammen, nimmt ein Schlückchen Kaffee, nippt am Punsch und nascht genüsslich vom Kuchen.

Vorleserin Margarete Prax blättert im Buch und sucht eine letzte Geschichte heraus: „Erscheinung am Weihnachtsabend“, eine Geschichte, in der seltsame Dinge geschehen, die, wie es heißt, „vielleicht nur Kinder und alte Leute sehen können“. Die Mischung aus Vorlesen, Erzählen und Austauschen machte diesen Nachmittag zu einem besonderen Erlebnis. Gemeinsam Geschichten lauschen, das schaffte an diesem trüben Novembertag ein Zusammengehörigkeitsgefühl und diese besondere, beglückende Atmosphäre des Wohlfühlens. Etwas von dieser Freude und dem Wohlgefühl nahmen die Zuhörer mit nach Hause. rehe