Würzburg

Inklusion Bei „NoLimits!“ geht es um weit mehr als nur um Sieg und Niederlage

Blind dem Rasselball nachjagen

Würzburg.Am Anfang hatte sich Fabian Pucher das gar nicht vorstellen können: Wie soll man absolut blind durch einen Raum flitzen? Inzwischen kann der angehende Grundschullehrer das. Enrico Göbel brachte es ihm bei. Göbel ist Torhüter der deutschen Fußballnationalmannschaft im Blindenfußball. „Seit sechs Jahren biete ich an der Würzburger Sportuni ein Blindenfußball-Seminar an“, erzählte er beim Inklusionssportfest „NoLimits!“, das in Würzburg stattfand.

Das vom „Netzwerk Inklusionssport Mainfranken“ organisierte Sportfestival zeigt im Zwei-Jahres-Rhythmus, welche Möglichkeiten es für Menschen mit und ohne Handicap gibt, miteinander Sport zu treiben. Gerade Blindenfußball bietet eine große Chance auf ein gemeinsames Sporterlebnis. „Ich kann mir gut vorstellen, das später mal mit meinen Schülern zu machen“, sagt Pucher, der im 6. Semester studiert.

Für ihn selbst war es absolut spannend, zu erleben, wie er im Laufe des Seminars von Enrico Göbel immer sicherer wurde. Erst drippelte er vorsichtig. Am Schluss traute er sich, angeleitet durch Zurufe der Assistenten am Spielfeldrand, dem rasselnden Ball blind hinterherzujagen.

Die Würzburger „Ballbusters“ nutzten „NoLimits!“, um sich schon mal für den 3. Spieltag der Zweiten Bundesliga im Powerchair Hockey am 18. Mai in Thüngersheim bei Würzburg warmzulaufen. Die prominenten Gäste, die sie bei „NoLimits!“ herausforderten, darunter Würzburgs Stadtbaurat Benjamin Schneider und Würzburgs Sozialreferentin Hülya Düber, waren weitgehend chancenlos gegen die agile Truppe. „Es ist total schwer, den Rollstuhl zu steuern und gleichzeitig den Schläger zu handhaben“, meinte nach dem Match Bernd Zehnter, studierter Sonderpädagoge, Zauberkünstler und Moderator der Talk-Game-Show „Hinter den Kulissen“.

Was Menschen mit Handicap zu leisten vermögen, ist keine Lappalie. Das erfuhren alle Besucher, die es am Samstag im Sportzentrum der Uni Würzburg wagten, einmal Powerchair Hockey, Rollstuhlbasketball, Handbike oder Blindenjudo auszuprobieren. Unter dem Motto „Leistung, Lernen, Miteinander“ erlebten sie, wie beeindruckend das ist, was Menschen trotz Handicap schaffen.

Nadia Schumann zum Beispiel hatte 2015 den Mut, als erste Frau im Handbike am Langstrecken-Radrennen „Store Styrkeprøven“ von Trondheim nach Oslo teilzunehmen. „Das dauerte nonstop 34 Stunden“, berichtete die Würzburgerin, die 2007 bei einem Unfall ihre Beine verlor. Seitdem ist die 41-Jährige auf den Rollstuhl angewiesen. Doch schon davor hatte sie eine Art Handicap: „Ich war nur 1.50 Meter groß.“ Das hatte sie im Alltag oft beeinträchtigt. „Seitdem ich im Rollstuhl sitze, kann ich Männern, wenn sie ebenfalls auf den Rollstuhl angewiesen sind, auf Augenhöge begegnen“, erklärte die semiprofessionelle Sportlerin.

„Das Sportfest ist eine tolle Gelegenheit, dass sich Menschen mit und ohne Handicap einmal begegnen“, meinte Robert Wolfram, der den „Ballbusters“ angehört. Nach seiner Beobachtung lebt man normalerweise nebeneinander her. Treffpunkte seien rar, so der 37-Jährige, der in einer Behindertenwerkstatt tätig ist. Das hat zu Folge, dass man wenig voneinander weiß. Und darum Vorurteile pflegt. Aufgrund von Sauerstoffmangel kam Wolfram behindert auf die Welt. Anders als Nadia Schumann kennt der Würzburger die Welt nicht anders als aus der Sicht eines Menschen im Rollstuhl. Den Umgang zwischen Behinderten und Nichtbehinderten findet er immer noch schwierig: „Hilft uns jemand, etwa, weil mal wieder ein Aufzug kaputt ist, erwartet derjenige, dass wir total dankbar sind.“ Dabei sei es einfach nur „nervig“, als behinderter Mensch immer noch so oft um Hilfe bitten zu müssen.

Ein Handicap zu haben und dennoch darauf zu beharren, „ganz normal“ zu leben, wie jeder andere Mensch auch, also Sport zu treiben und einen „normalen“ Beruf auszuüben, das kostet noch immer Kraft und Mut, bestätigte Marina. Die 19-Jährige, die gern tanzt, kam mit ihren Kommilitonen aus der Würzburger Fachakademie für Sozialpädagogik St. Hildegard zum „NoLimits!“-Festival. Vor drei Jahren beschloss sie, Erzieherin zu werden – obwohl sie ein ausgeprägtes Handicap hat. Marinas Hände setzen knapp unterhalb ihrer Schultern an: „Warum das so ist, weiß man nicht genau.“

Was sie mit den Händen nicht machen kann, schafft Marina mit den Füßen. „Ich kann Flaschen öffnen und auch Kleinkinder wickeln, sowie sie imstande sind, selbst ein bisschen mitzuhelfen“, sagt sie. Der Berufseinstieg war für die junge Frau trotz ihrer Kompetenzen nicht einfach. Marina musste stärker als andere ihrer Altersgenossinnen „beweisen“, dass sie für den Beruf der Erzieherin geeignet ist.

Durch das schlechte Wetter fielen einige Angebote aus. Auch die Rollstuhlfechter vom FC Tauberbischofsheim sagten wetterbedingt kurzfristig ab.

Durch das Programmheft waren sie dennoch präsent. Neugierige sind auch jederzeit eingeladen, die integrative Abteilung des Tauberbischofsheimer Fecht-Clubs einmal zu besuchen. Pat Christ