Würzburg

Publikation Würzburger Psychologe Joachim Wittkowski hat Situation des zum Tode verurteilten Widerstandskämpfers untersucht und erforscht

Das lange Sterben des Grafen von Moltke

Würzburg.Wie geht es einem Menschen, der weiß, dass er demnächst tot sein wird? Das hat der Würzburger Psychologe Joachim Wittkowski am Beispiel des zum Tode verurteilen Widerstandskämpfers Helmuth James Graf von Moltke erforscht.

Vom Sterben hat vermutlich jeder Mensch seine ganz eigenen Vorstellungen. Während der eine das Bild eines grausamen Todeskampfes vor Augen hat, denkt der andere vielleicht an ein stilles Verlöschen im Zustand der Bewusstlosigkeit. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit ist diesen Vorstellungen allerdings eins gemeinsam: Sterben – das sind für die meisten Menschen die Minuten oder allenfalls Stunden vor dem Ende.

Was aber denkt und fühlt ein Mensch, dessen Sterbeprozess sich über einen langen Zeitraum erstreckt – beispielsweise wenn er vom Arzt gesagt bekommt, dass er unheilbar krank sei und nur noch wenige Monate zu leben habe? Und wie unterscheidet sich dessen Erleben von dem eines Menschen, der ebenfalls weiß, dass er in Kürze tot sein wird, obwohl er vollständig gesund ist – beispielsweise eines zum Tode Verurteilten? Erleben beide die gleichen Anpassungs- und Bewältigungsvorgänge, die aus Sicht der Psychologie kennzeichnend für das Sterben sind?

Diesen Fragen ist der Würzburger Psychologe Professor Joachim Wittkowski in einer Studie nachgegangen, die soeben bei Würzburg University Press erschienen ist. Wittkowski hat dafür ein einzigartiges Quellenmaterial inhaltsanalytisch ausgewertet: Den vier Monate währenden Briefwechsel des inhaftierten Grafen Helmuth James von Moltke mit dessen Ehefrau Freya.

Moltke war führendes Mitglied des Kreisauer Kreises, einem Zusammenschluss oppositionell gesinnter Männer und Frauen im sogenannten Dritten Reich, die im Widerstand zum nationalsozialistischen Deutschland standen.

Im Januar 1944 wurde er von der Gestapo verhaftet, am 11. Januar 1945 zum Tod verurteilt und zwölf Tage später im Gefängnis Plötzensee erhängt.

Joachim Wittkowskis Studie gibt nun zum einen Auskunft über das Erleben des mit dem eigenen Tod konfrontierten Grafen. „Das hervorstechende Merkmal ist das schmerzhafte Hin-und-her-Schwanken zwischen dem Festhalten am eigenen Leben und dem Loslassen des eigenen Lebens in dem Bemühen, rechtzeitig Sterbebereitschaft zu erlangen“, sagt der Psychologe. In den Briefen spiegele sich der Versuch wider, das eigene Leid zu bewältigen, indem er ihm durch die Erfüllung selbst gesetzter Aufgaben eine Art Sinn gebe – „eine Form der Stressbewältigung, die sich schlagwortartig mit ‚Arbeit und Struktur’ bezeichnen lässt“, so Wittkowski. Dabei spielten Demut und der christliche Glaube eine große Rolle.

Die Ehefrau als Sterbebegleiterin

Zum anderen zeigen die Ergebnisse eine Art der Sterbebegleitung durch Freya von Moltke. „Das zu erwartende Ende am Galgen wurde von beiden Partnern offen angesprochen“, sagt Wittkowski. Dabei sei Freya von Moltke mit Empathie und Taktgefühl auf das Bedürfnis ihres Ehemanns insbesondere nach Sinnfindung eingegangen und habe ihm stets die Führung überlassen, „vergleichbar einer Tänzerin, die sich von ihrem Partner führen lässt, ohne sich jedoch passiv-willfährig zu verhalten“, so der Psychologe. „Als Paar gestalteten sie gemeinsam den letzten Walzer.“ Auch hierbei habe sich ihr Glaube äußerst positiv ausgewirkt.

Dementsprechend beleuchtet die Studie auch die Person der Sterbebegleiterin mit ihren spezifischen Anpassungs- und Bewältigungsstrategien.

Grundlagenforschung

Die Abhandlung „Sterben – Leben in Erwartung der Hinrichtung „hat ein „Janusgesicht“, wie Wittkowski sagt.

In der einen Blickrichtung ist sie eine psychologische Studie über zwei prominente Persönlichkeiten der jüngeren deutschen Geschichte, nämlich über das Schicksal des Ehepaars von Moltke in der Endphase der nationalsozialistischen Diktatur.

In der anderen Blickrichtung ist sie Grundlagenforschung zum Sterben im psychologischen Sinne, aus der sich Empfehlungen für die Angehörigen von Sterbenden sowie für die Ausbildung von Personen ableiten lassen, die formelle und informelle Sterbebegleitung übernehmen.

Nach den Ergebnissen des Verfassers zeigen sich vielfältige Gemeinsamkeiten zwischen den gedanklichen und emotionalen Anpassungsvorgängen eines gesunden Menschen in der Situation vitaler Bedrohung einerseits und dem Sterben infolge einer Krankheit andererseits.

Dies unterstreiche die Berechtigung, dem Sterbeprozess als langem und erlebnisreichem letztem Lebensabschnitt mehr Beachtung zu schenken, wie es abschließend in einem Bericht der Universität Würzburg über die Publikation heißt.