Würzburg

Gedenkfeier Juden und Christen erinnern gemeinsam an die Pogrome von 1938

„Ein Christ kann kein Antisemit sein“

Würzburg.Spitzenvertreter der Kirchen und des Judentums in Deutschland sowie Politiker haben am Donnerstag in Würzburg gemeinsam der Pogrome des Jahres 1938 gedacht. Es sei wichtig, an die damaligen Verbrechen zu erinnern. Alle seien aufgerufen, für einen respektvollen Umgang miteinander einzustehen und die Grundwerte der Demokratie zu verteidigen, forderten sie gemeinsam bei einer Gedenkveranstaltung auf dem Gelände der ehemaligen Würzburger Hauptsynagoge in der Domerschulstraße.

Bei einer Podiumsdiskussion im Jüdischen Gemeindezentrum „Shalom Europa“ erklärten Kardinal Reinhard Marx und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm ihre Solidarität mit den Juden und betonten, dass die deutsche Erinnerungskultur äußerst wichtig und wertvoll sei. Ein Wegsehen wie vor 80 Jahren werde es nicht mehr geben. Es sei selbstverständlich, „dass wir uns nicht mehr von den Juden trennen lassen“, sagte Kardinal Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

Ermutigende Signale

Bei der Gedenkveranstaltung sagte Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, dass weder die Hetze gegen Muslime noch Antisemitismus normal werden dürften.

Auch wenn ihn einige Entwicklungen in Deutschland beunruhigten, gebe es deutliche Unterschiede zwischen der Gegenwart und dem Jahr 1938. Die Gewalt gegen Juden sei damals systematisch und vom Staat gelenkt gewesen. Die Mehrheit der Gesellschaft habe damals schweigend zugeschaut. Heute stelle sich der Staat schützend vor Minderheiten. Als „ermutigende Signale“ bezeichnete es Schuster, dass bei Demonstrationen mehrere Tausend Menschen gegen Antisemitismus auf die Straße gegangen seien.

„Wer einmal an einer Holocaust-Gedenkstätte die Namen derer gelesen hat, die durch die Nationalsozialisten ermordet wurden, wer die Geschichten und die damit verbundenen Schicksale gehört hat, die hinter den einzelnen Namen stehen, der kann nie und nimmer dafür plädieren, das Gedenken an die Pogromnacht zurückzudrängen und die Untaten von damals nicht mehr in gleicher Weise wie bisher in Erinnerung zu rufen und im Gedächtnis zu behalten“, betonte Landesbischof Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche.

Ein Christ ist verpflichtet, solidarisch mit Juden zu sein, betonte Kardinal Marx. „Noch einmal dürfen und werden wir nicht wegschauen.“ Als wichtige Lehre aus der Reichspogromnacht bezeichnete der Kardinal, dass die rechtsstaatliche Demokratie eine gefährdete Staatsform war und sei. „Die Achtung vor der Würde und den Grundrechten des Menschen ist nicht nur Aufgabe aller staatlichen Gewalt, wie das Grundgesetz sagt. Sie ist auch eine moralische Norm, die die politische Kultur unseres Landes und das gesellschaftliche Miteinander bestimmen soll“, sagte der Kardinal. Er rief die Zuhörer auf, nicht wegzuschauen, wenn Juden in welcher Form auch immer angegriffen werden. „Ein Christ kann kein Antisemit sein.“

Regierungspräsident Dr. Paul Beinhofer erklärte, die Opfer der Pogromnacht von 1938 und des Holocausts mahnten, nicht wegzuschauen und wegzuhören. „Auch in der Gegenwart, über 70 Jahre nach dem Ende des Dritten Reichs, werden Begrifflichkeiten verwendet, die in der Weimarer Republik gezielt eingesetzt worden sind, um die junge Demokratie zu destabilisieren.“ Wer demokratisch gewählte Politiker immer wieder als Vertreter der „Systemparteien“ und Journalisten als „Lügenpresse“ bezeichne, sei ganz nahe an der Sprache der Feinde der Demokratie.

„Wer die Geschichte vergisst, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“, zitierte Würzburgs Oberbürgermeister Christian Schuchardt den Philosophen George de Santayana. Der 9. November 1938 sei der schreckliche Höhepunkt einer Entwicklung gewesen, die lange zuvor eingesetzt hatte. „Die Geschichte der Judenverfolgung im sogenannten Dritten Reich zeigt, wie kurz der Weg ist vom menschenverachtenden Wort zur menschenvernichtenden Tat.“

Gezielte Provokationen

Jeder Einzelne sei für das Klima in der Gesellschaft mitverantwortlich, so Schuchardt. Vor allem in den Sozialen Medien hätten sich in den vergangenen Jahren die antisemitischen Äußerungen vervielfacht. „Zu dieser Entwicklung trägt bei, dass führende Repräsentanten einer Partei, die 2017 als drittstärkste Kraft in den Bundestag eingezogen und nun auch in sämtlichen Landtagen vertreten ist, mit gezielten Provokationen fortgesetzt rote Linien verschieben, indem sie zum Beispiel die Erinnerungskultur als ‚Schuldkult‘ diffamieren oder das Holocaust-Mahnmal in Berlin als ‚Denkmal der Schande‘ schmähen.“ pow