Würzburg

Medi-Netz Rund 20 Studierende helfen Migranten und Menschen ohne Krankenversicherung

Jeder soll zum Arzt gehen können

Archivartikel

Würzburg.Eigentlich dürfen sie nicht bleiben. Dennoch halten sie sich hierzulande auf, weil sie nur hier das Gefühl haben, sicher zu sein. Das mag eine Weile gut gehen. Doch werden Menschen ohne Aufenthaltsstatus krank, geraten sie in Not. Die Angst, einen Arzt oder eine Klinik aufzusuchen, ist riesig, denn dann würde ja bekannt, dass sie da sind. Womöglich würden sie dann abgeschoben. Diesen Menschen hilft der Würzburger Verein MediNetz seit zweieinhalb Jahren.

„In letzter Zeit hatten wir es vor allem mit schwangeren Frauen zu tun“, berichtet Annette Keil, die dem rund 20-köpfigen Freiwilligenteam angehört. Sie selbst unterstützte eine Migrantin aus einem osteuropäischen Land, das nicht der EU angehört. Die Frau war im achten Monat schwanger und noch bei keiner Vorsorgeuntersuchung gewesen. Sich in Deutschland registrieren, das wollte sie nicht, aus Angst, abgelehnt zu werden. Deshalb war sie auch nicht krankenversichert.

Sprechstunden

In den „Sprechstunden“ von MediNetz, die immer dienstags von 17 bis 18 Uhr im Würzburger Weltladen angeboten werden, geht es nicht nur um medizinische Fragen. Die Studierenden klären vor allem auch ab, ob ein Mensch ohne Papiere „legalisiert“ werden kann. Das war bei der Schwangeren aus Osteuropa der Fall. „Der Vater des Kindes erkannte die Vaterschaft an“, erläutert Keil. Weil der Mann einen dauerhaften Aufenthaltsstatus hatte, war auch das noch ungeborene Kind aufenthaltsberechtigt. Als Mutter des Kindes wiederum erhielt nun auch die Osteuropäerin eine Aufenthaltsberechtigung.

Einige Male schon konnte MediNetz im Kooperation mit anderen Würzburger Beratungsstellen Migranten zu einem Aufenthaltsstatus verhelfen. Doch oft ist das auch nicht möglich. Dann ist MediNetz auf ärztliche Kooperationspartner angewiesen, die Menschen ohne Papiere kostenlos oder kostengünstig behandeln. Denn sobald Kosten anfallen und der kranke Mensch ohne Versicherungsschutz diese Kosten nicht bezahlen kann, muss er sich an das Sozialamt zur Kostenübernahme wenden. Das zahlt auch bei akuten Erkrankungen, so Keil: „Doch es ist verpflichtet, diesen Menschen der Ausländerbehörde zu melden.“

Kooperation mit Ärzten

Vor allem mit Allgemeinärzten und Zahnärzten kooperiert MediNetz gut. So konnte unlängst einem Mann aus Afrika geholfen werden, der unter starken Zahnschmerzen litt. „Er war in einem anderen Land anerkannt“, schildert Keil. Doch seine Familie lebt in Würzburg. Der Mann wollte sich nicht von der Familie trennen lassen. Deshalb hielt er sich ohne Genehmigung in Würzburg auf. Geld, um eine Zahnarztbehandlung zu finanzieren, hatte er nicht. MediNetz vermittelte ihn zu einem Mediziner, der die Zahnschmerzen kostenlos behob.

Zu MediNetz kommen nicht nur Flüchtlinge. Auch Bürger aus osteuropäischen EU-Ländern wie Rumänien wenden sich an die Organisation. „Viele arbeiten prekär, teilweise sogar schwarz“, sagt Falk Ridder, Medizinstudent im 9. Semester, der sich seit Anfang 2016 für MediNetz engagiert.

Unlängst kontaktierte eine hochschwangere Osteuropäerin das studentische Netzwek und schilderte, dass sie nahezu rund um die Uhr als Putzfrau im Einsatz sein müsse. Ihr Arbeitgeber habe sie nicht angemeldet, weshalb sie nicht krankenversichert sei. Solche Frauen über Wochen bis nach der Geburt zu begleiten, ist laut Annette Keil sehr zeitintensiv und oft schwierig mit dem Studium zu vereinbaren.

Vereinzelt kam es auch schon vor, dass sich Deutsche an MediNetz wandten. So verhalf das Team einmal einem wohnungslosen Diabetiker, der plötzlich ohne Insulin dastand, zu einem Rezept. Wodurch die Studierenden womöglich einen medizinischen Notfall verhinderten.

Vom Gesetz her ist zwar jeder Deutsche seit 2009 verpflichtet, sich zu versichern.

Ohne Versicherungsschutz

Dennoch leben hierzulande Schätzungen zufolge mehrere hunderttausend Menschen ohne Versicherungsschutz. Falk Ridder erklärt, wie das sein kann: „Können zum Beispiel Selbstständige ab 55 Jahren die gestiegenen Beiträge ihrer privaten Versicherung nicht mehr zahlen, ist es ihnen nicht möglich, in die gesetzliche Krankenversicherung zu wechseln.“ MediNetz hilft nicht nur Flüchtlingen und Einheimischen ohne Versicherungsschutz. Die Organisation engagiert sich auch politisch. Jeder Mensch, fordert sie, soll einen Arzt aufsuchen können. Möglich wäre dies zum Beispiel mit einem „Anonymen Krankenschein“ für Menschen ohne Aufenthaltsstatus. Dieses Modell wird in Göttingen und Hannover noch bis Jahresende erprobt.