Würzburg

Psychosoziale Beratungsstelle Seit zehn Jahren treffen sich bei der Würzburger Caritas Glücksspieler aus der Region

Menschen, die alles „aufs Spiel setzen“

Archivartikel

Würzburg.Wie bei den meisten fing es auch bei Karl. W. (Namen aller Spieler geändert) harmlos an. Als Bub, er mochte zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein, durfte er seinen Vater manchmal abends in die Kneipe begleiten. Er bekam zwei Mark in die Hand gedrückt und fütterte damit den Spielautomaten. Wirklich „süchtig“ war Karl W. damals sicherlich noch nicht. Doch er erinnert sich, wie stark ihn das Spielen um Geld schon zu jener Zeit fasziniert hatte.

Karl W. hat einen tollen Job in der Industrie, hat immer gut verdient: „Bloß hatte ich nie was von meinem Geld.“ Die Freundin wunderte sich: „Du kannst es dir wirklich nicht leisten, mit mir in Urlaub zu fahren?“ Karl W. erfand Ausflüchte. Da war doch der Unterhalt für seine Kinder. Der fraß einen großen Teil des Einkommens auf, behauptete er. „Es waren am Ende vor allem diese ständigen Lügen, die ich nicht mehr aushielt“, sagt der 53-Jährige, der an einer angeleiteten Gruppe für Glücksspieler in der Psychosozialen Beratungsstelle für Suchtprobleme des Kreis-Caritasverbands teilnimmt.

Alles „verzockt“

Das „Ende“ liegt nun zweieinhalb Jahre zurück: Am 31. August 2016 spielte Karl W. zum letzten Mal. Es war nach der Nachtschicht. Er zockte, bis alles, was er verzocken konnte, weg war. 500 Euro gingen in dieser Nacht drauf. „Auf dem Heimweg überlegte ich mir, was ich diesmal für Ausreden erfinden sollte“, erzählt Karl W. Bis er sich selbst einen „Idioten“ schimpfte: „Ich wollte so nicht mehr weitermachen.“ Karl W. ging nach Hause. Weckte seine Freundin. Beichtete ihr alles und sagte: „Ich muss auf Therapie.“

Im Herbst 2016 fand er einen Therapieplatz in Hessen. Die stationäre Behandlung zog sich bis in den Februar 2017 hin. Karl W. lernte während der 16 Wochen viele Menschen kennen, die durch ihre Glücksspielsucht in den Ruin gestürzt wurden. Was er hörte und was er sah, schockierte ihn und ließ ihn nicht mehr los. Vor einem Jahr beschloss er, mit anderen „sauberen“ Glücksspielern aus Bayern einen „Betroffenenbeirat“ der Landesstelle für Glücksspielsucht zu gründen. In diesem Beirat setzt sich Karl W. vehement für ein Verbot von Glücksspielen ein.

Spricht er von seinem Plan, ein solches Verbot durchzusetzen, erntet er in der Glückspielergruppe, die sich an jedem Donnerstagabend trifft, rundum Kopfnicken. Dass sich jemand wie Oliver Kahn dafür hergibt, für Sportwetten zu werben, sei einfach „eine Schande“, meint einer aus der Runde.

Sein Stuhlkreisnachbar Alex K. pflichtet ihm bei. Den 55-jährigen Würzburger hatte es wegen seiner Spielsucht vor 30 Jahren noch schwerer gebeutelt als Karl W. Alex K. ist in der Werbebranche zu Hause. Lange war er im Außendienst tätig. Das eröffnete ihm vorzügliche Chancen, seiner Passion zu frönen: „Ich spielte deutschlandweit in Casinos.“ Dabei machte er bald die Erfahrung, die alle Spieler verspüren: Er verlor weit mehr, als er gewann. Bald war alles aufgebraucht, was K. besaß. Weil der Spieldrang übermächtig war, begann Alex K., auf krummen Wegen an Geld zu kommen. Was ihn am Ende ins Gefängnis brachte.

Suchttherapeutin Petra Müller, die im Herbst 2008 begonnen hatte, eine erste Beratungsstelle für Glücksspieler in Würzburg aufzubauen, erstaunen solche Geschichten längst nicht mehr. Tief in ihre Sucht verstrickte Spieler setzen sprichwörtlich alles „aufs Spiel“, sagt sie. Ihr gesamtes Einkommen. Alles, was sie erspart haben. Aber auch Familie, Freunde, Beziehungen.

Gefahr des Rückfalls

Sich von einer Glücksspielsucht zu befreien, ist mindestens so schwer, wie von Alkohol oder Zigaretten wegzukommen. Die Gefahr „Rückfall“ schwebt als Damoklesschwert über allen Betroffenen. Deshalb ist die Gruppe so wichtig, die Petra Müller am 16. Januar 2009 mit damals vier Teilnehmern startete. Heute kommen 20 Männer und vier Frauen an jedem Donnerstag zusammen. Manche nehmen weite Fahrtstrecken auf sich. Wie Karl W. Ein Teilnehmer reist sogar aus Ansbach an.

Das Eröffnungsritual ist immer gleich: Petra Müller hat einen Fächer von roten, gelben und grünen Karten in der Hand. Wer mag, darf sich eine Karte ziehen. „Ist heute jemand mit ‚Rot’ unter euch?“, fragt sie in die Runde. Eine blonde Frau meldet sich: „Also, ich würde sagen, es ist rot-gelb.“ Was bedeutet: Diese Frau hat ein Thema mit in die Gruppe gebracht, das brennt. Wenn nicht sogar schon hell lodert. Vielleicht kriselt es gerade in ihrer Beziehung. Was das Risiko erhöht, wieder mit dem Spielen zu beginnen. Oder vielleicht ist auch ein Freund gestorben.

„Rote“ Themen werden auf jeden Fall während der Gruppenstunde angesprochen. Doch nicht immer ist ein „rotes“ oder „gelbes“ Thema dabei. Dann spricht, wer mag, über etwas „Grünes“. Also über eine Sache, von der er gern mal erzählen würde, die aber nicht drängt. Roland T., 32 Jahre alt, berichtet heute zum Beispiel, wie das bei ihm mit der Spielsucht angefangen hatte: „Ich war in der zehnten Klasse.“ Der Würzburger hatte nebenher gejobbt und also mehr als nur ein Taschengeld gehabt. Sportwetten hatten ihn fasziniert. Wie alle anderen, verlor auch er mehr, als er besaß. Was sich irgendwann nicht mehr vor den Eltern verheimlichen ließ.

Roland T. versprach, nicht mehr zu wetten. Fünf Jahre lang hielt er sich daran – während seiner restlichen Schul- und Lehrzeit. Roland T. ist in der Handelsbranche tätig. Er fand nach der Ausbildung auch gleich eine Stelle. Verdiente plötzlich eigenes Geld. Und begann wieder damit zu wetten. Vor sieben Jahren war er, auf Veranlassung seiner Eltern, erstmals bei Petra Müller in Beratung: „Nach drei Sitzungen entließ ich mich selbst als geheilt.“ Was ein Trugschluss war.

Gesamte Ersparnis verloren

Die nächsten eineinhalb Jahre seines Lebens dominierten die Sportwetten alles: „Und ich verlor mein gesamtes Erspartes.“ Vor fünf Jahren schaffte Roland T. den Ausstieg. Wieder saß er bei Petra Müller: „Diesmal freiwillig.“

Mit seiner Ehefrau schloss er einen Deal: „Sie verwaltet heute unser gemeinsames Geld.“ Wetten will Roland T. niemals mehr. Doch er weiß, dass er von seiner Sucht nie geheilt sein wird: „Das Thema ist bei mir ständig präsent.“