Würzburg

Amtsgericht Würzburg Ein Jahr Knast für Festival-Besucher aus Stuttgart / Wegen „Würstchen im Croissant“ beleidigt gefühlt

Nach 40 Vorstrafen rastet 43-Jähriger erneut aus

Würzburg.Früh kurz vor sechs hat ein Besucher des Afrika-Festivals am Hauptbahnhof eine Bäckerei-Verkäuferin gefragt, was es für zwei Euro zu essen gibt. Den Hinweis auf „Würstchen im Croissant“ bekam er alkoholbedingt in den falschen Hals, hat das in Blätterteig „verpackte“ Wienerle mit heraushängenden Enden irgendwie auf seine Person bezogen und ist ausgerastet.

Attacke gegen Verkäuferinnen

Wegen Beleidigung von zwei Verkäuferinnen und zwei Bundespolizisten, wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung und ein bisschen Marihuana in der Hosentasche musste der 43-jährige aus Stuttgart jetzt noch einmal nach Würzburg fahren: Vom Amtsgericht ist er zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt worden. Der Mann stammt aus Eritrea, lebt seit über zwei Jahrzehnten in Deutschland und beherrscht, soweit es um besonders deftige Beleidigungen geht, die deutsche Sprache perfekt: in dem Fall von Schlampe und Lesben für die Verkäuferinnen bis zu Nazi und „A . . . löcher“ für die um Hilfe gerufenen Polizisten.

Keine Erinnerung mehr

Allerdings, so der Angeklagte, könne er sich überhaupt nicht mehr an den Vorfall erinnern, da er so betrunken war. Mit Alkohol habe er eigentlich kein Problem, nur wenn er mal anfängt, ein bisschen mehr zu trinken, dann könne er nicht mehr aufhören. Beim Besuch des Afrika-Festivals in Würzburg habe er sich mit zwei Flaschen Wodka und etwas Marihuana auf die Musik eingestimmt.

Das Verlesen der Vorstrafen dauerte erheblich länger als üblich, denn das Strafregister des Angeklagten hat bereits 40 Einträge: Häufig ging es dabei um Trunkenheit und Drogen, Beleidigung und Fahren mit Promille und ohne Führerschein.

Leute, die vom Afrika-Festival kamen, hätten an dem Sonntagmorgen die Regale ziemlich leer gekauft, sagte eine Zeugin aus der Bahnhofs-Bäckerei, und sie habe nicht verstanden, warum der Angeklagte nach dem Hinweis auf das Wurst-Croissant ausgerastet ist, sehr laut wurde und immer wieder sagte, dass er doch gar nicht schwul sei.

Das habe sie auch nicht behauptet, aber der Kunde habe sie gleich drauflos beleidigt und sein Zwei-Euro-Stück nach ihr geworfen. Eine Kollegin verspürte kurz danach einen kräftigen Luftzug, als ein Stuhl so knapp einen halben Meter an ihrem Kopf vorbeiflog.

Außerdem hat der Angeklagte noch einige Tische umgeworfen auf der Terrasse am Bahnhofsvorplatz, vorbeigehende Reisende angeschrien, auch beleidigt und immer wieder mal Widerstand versucht, als ihn Bundespolizisten abholen wollten. Aber viel ging da nicht mehr in seinem Zustand.

Bei seinen „Opfern“ hat sich der Angeschuldigte entschuldigt. Eigentlich habe er zur Gerichtsverhandlung für die Verkäuferinnen und die Polizisten als kleine „Aufmerksamkeit“ eine Flasche Wein mitbringen wollen, aber sein Anwalt habe davon abgeraten.

Der Verteidiger hat vermutlich befürchtet, dass sein Mandant auf der Fahrt nach Würzburg eine kleine Weinprobe veranstaltet, überprüft, ob das auch ein für eine Entschuldigung geeigneter Tropfen ist und sich danach wieder an nichts mehr erinnern kann, auch nicht an die Verhandlung im Sitzungssaal 30. Er habe „Sch . . .“ gebaut“, gewollt habe er das alles nicht, sagte der Angeklagte in seinem Schlusswort, und nach zwei erfolglosen Alkohol-Therapien habe er sich jetzt bei der Drogenberatung für einen Entzug angemeldet. Außerdem habe er eine neue Freundin, die im Gegensatz zu ihm einen Job hat, und da werde er gebraucht, er müsse auf ihr Kind aufpassen.

Keine Umstimmung

Damit konnte er das Gericht allerdings nicht auf gnädig umstimmen. Bei der Vorstrafen-Latte könne es keine Bewährung mehr geben, sagte Richterin Gudrun Helm, der Mann habe sich ohne erkennbaren Grund so hoch-aggressiv verhalten, wie das die beiden Verkäuferinnen trotz Arbeitsplatz im Hauptbahnhof so heftig noch nicht erlebt hatten. Dass der Mann erheblich unter Alkohol stand, könne – unter Hinweis auf eine neue Entscheidung des Bundesgerichtshofes – nicht mehr strafmildernd berücksichtigt werden, da er vorher wusste, dass er sich, siehe Vorstrafen, „unter Strom“ ganz schnell und oft auch kräftig „danebenbenimmt“.