Würzburg

Flüchtlingshilfe Olga Klikau setzte sich in griechischen Camps für geflüchtete Menschen ein

Tatkraft, statt auf Tauchstation zu gehen

Würzburg.Es gab Tage, da war sie 24 Stunden im Einsatz. Bis zum Abend versorgte sie Flüchtlinge im Camp der griechischen Insel Chios. Nachts zog sie Boote aus dem Meer und kümmerte sich um die Menschen, die 1000 Euro aufgebracht hatten, um über die sieben Kilometer lange Meerenge von der Türkei nach Chios zu fliehen. 54 Tage lebte und arbeitete Klikau in dem Camp. Das ist jetzt eineinhalb Jahre her. Doch das Thema "Flüchtlinge" lässt sie nicht los: "Ich habe täglich damit zu tun."

Großen Respekt

Hört die 25-Jährige andere Menschen abschätzig über Flüchtlinge sprechen, tut ihr das weh. Wie viel Ahnungslosigkeit und Ignoranz aus den Kommentaren spricht. "Ich selbst habe großen Respekt vor jedem einzelnen, der sich auf die Flucht gemacht hat", sagt die junge Frau, die in Würzburg neben ihrem Studium als Jobcoach für Flüchtlinge arbeitet. Viele Menschen, die sie aus Deutschland kennt, hätten wahrscheinlich niemals die Kraft, das zu schaffen, was die geflüchteten Menschen gemeistert haben.

Denkt sie an ihre Zeit auf Chios zurück, fallen ihr jedoch nicht als erstes die schlimmen Bilder ein: "Sondern die Freundlichkeit der Menschen, die mich zu sich ins Zelt eingeladen und mir Tee angeboten haben."

Mit mehreren Flüchtlingen hat sie noch immer Kontakt: "Zum Beispiel zu drei syrischen Brüdern, die heute in der Nähe von Speyer leben." Auch diese drei hatte sie eines Nachts, reichlich durchnässt, an der Küste empfangen. Einer der Brüder sprach zu ihrem Erstaunen Russisch. Das spricht auch Klikau neben Englisch und ein wenig Arabisch: "Denn ich bin in Russland geboren."

Warum sie es auf sich genommen hat, eineinhalb Monate unter primitivsten Umständen und umgeben von lauter Leid in einem Flüchtlingscamp zu leben? Das wird Olga Klikau immer wieder gefragt, wenn sie Vorträge hält. Ihre Antwort lautet: "Ich konnte nicht mehr nur einfach die Nachrichten sehen."

In ihr wuchs der Drang, vor Ort mitzuhelfen, die Not ein wenig zu lindern. Zugute kam der jungen Frau ihre robuste Konstitution: "Ich kann überall schlafen und kann auch mal mehrere Tage mit schlechtem Essen leben." Angst vor den Lebensumständen im Camp hatte sie deshalb nicht gehabt. Doch etwas anderes hatte sie bedrückt, als sie sich im Februar 2016 auf den Weg nach Chios gemacht hatte: "Ich hatte Angst, emotional nicht mit dem fertig zu werden, womit ich konfrontiert würde, und deshalb den Absprung nicht zu schaffen."

Der zog sich dann auch etwas hin. Statt einem Monat blieb Klikau eineinhalb. Eigentlich hätte sie längst zurück gemusst nach Deutschland: "Mein Masterstudium hatte begonnen." Doch sie besprach mit den Professoren, dass sie zwei Wochen später ins Studium starten würde. "International Social Work with Refugees and Migrants" nennt sich der Master-Studiengang, den Klikau Ende März 2016 in Würzburg begann. Inzwischen ist sie fast fertig. Es fehlt nur noch die Masterarbeit.

Darin möchte sie sich mit der Frage befassen, was Menschen motiviert, sich für Flüchtlinge einzusetzen - in Deutschland, aber vor allem auch im Ausland. "Warum begnügen sich die einen damit, die Nachrichten zu sehen, und warum werden andere aktiv?", fragt sie sich. Immer wieder hat sie das erlebt: Menschen äußern, wie "schrecklich" es ist, dass Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken. Doch dann wird der Fernseher abgeschaltet, und man geht emotional auf Tauchstation.

Bei einigen wenigen Menschen hingegen erwacht die Tatkraft. Sie wollen nicht länger Zuschauer sein. In Interviews hofft Klikau, herauszufinden, wann und wodurch Passivität in Aktion umschlägt.

Durch ihr Studium erhielt sie das Handwerkszeug, Menschen auf der Flucht noch besser zu helfen. Das hat sie ab dem kommenden Frühjahr auch vor.

Wie, weiß Olga Klikau allerdings noch nicht genau. "Seht gut finde ich die Organisation 'Ärzte ohne Grenzen'", sagt sie. Doch dort gebe es nur wenige Stellen für Sozialarbeiterinnen.

Ihrem Studium hat es Klikau im Übrigen auch zu verdanken, dass sie ein wenig Arabisch spricht: "Das lernten wir ein halbes Jahr lang." Auch von vielen anderen Studieninhalten wird sie profitieren. Wobei sie gleichzeitig die Erfahrung gemacht hat, dass Menschen auch ohne spezielle Ausbildung viel bewirken können.

Schule gegründet

Im Mai 2016 flog Klikau ein zweites Mal nach Griechenland. Diesmal nach Athen. Dort fand sie spontan Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die mit ihr zusammen eine Schule für erwachsene Flüchtlinge gründeten. "No-Border-School" heißt die Einrichtung, die immer noch existiert: "Laura, eine Lehrerin aus Italien, kümmert sich als Ansprechpartnerin darum."

Durch die Schule hatten die Flüchtlinge, die in Athen gestrandet waren, endlich etwas Sinnvolles zu tun.

"Sie wollten ja nach Europa, deshalb dachten wir, dass es gut ist, wenn sie Englisch lernen", so Klikau. Das nahmen die Flüchtlinge dankbar an. Wobei viele das Angebot auch als Chance ansahen, dem zermürbendem Warten im Camp zu entrinnen.

Diese Warterei, so Klikau, war für einige Flüchtlinge so belastend, dass sie Offerten akzeptierten, freiwillig in ihre Heimat zurückzukehren. "Ich will hier nicht wie ein Hund sterben", hörte sie von einem Flüchtling. Dann lieber im Heimatland umkommen: "Wie ein Mensch."