Würzburg

Cochlea Implantat Centrum Süd Menschen mit Hörbehinderung eröffnen sich neue Welten / Auch neun CI-Träger aus dem Main-Tauber-Kreis

Wie Jamal Said nun das Hören lernt

Archivartikel

Würzburg.Vor dem Eingriff hatte Sarah Said ein ziemlich mulmiges Gefühl. Ihrem dreijährigen Sohn sollte in den Schädelknochen gefräst werde. Das hörte sich gefährlich an. Heute ist sie froh, dass ihrem Kind auf diese Weise zwei künstliche Ohren namens „Cochlea Implantat“ (CI) eingepflanzt wurden. Denn der Junge, der ohne die Prothesen nichts verstehen würde, kann sich inzwischen sprachlich sehr gut verständigen. Das hat er dem Cochlea Implantat Centrum Süd (CICSüd) zu verdanken, wo er seit sechs Jahren rehabilitiert wird.

Sarah Said selbst hört ganz normal. Auch ihr Mann hat keine Probleme mit dem Hören. Warum Jamal ebenso wie seine fünf Jahre alte Schwester Vivienne mit schwerer Hörschädigung zur Welt gekommen ist, wissen die Eltern nicht: „Wir haben einen Gentest machen lassen, aber dabei kam nichts heraus.“

Durch Jamals Hörbehinderung eröffneten sich Sarah Said völlig neue Welten. Sie lernte die Kita und die Schule für hörbehinderte Kinder in Würzburg kennen. Anfangs, gibt sie zu, war sie skeptisch. Sie wollte ihr Kind nicht in eine Sondereinrichtung stecken. Heute ist die Schweinfurterin sehr angetan von dem Förderzentrum des Bezirks Unterfranken für Kinder, die schlecht hören. Jamal geht inzwischen in die zweite Klasse des Förderzentrums und fühlt sich wohl. Auch das von der Stiftung Hör-Sprachförderung getragene CICSüd besucht er gern. Besonders den „Logo“, wie er seinen Logopäden nennt, schätzt das Kind.

Deutschlandweit sind rund 50 000 Menschen gehörlos, über 250 000 gelten aufgrund ihrer Hörprobleme als schwerbehindert. Bis zu 30 000 Betroffene erhalten jedes Jahr eine Innenohrprothese. Cochlea Implantate werden also immer selbstverständlicher. Zwar fällt es nach wie vor auf, wenn jemand einen merkwürdigen „Knopf“ am Kopf hat. Doch viele CI-Träger trachten nicht mehr danach, diesen Knopf unter ihrem Haarschopf zu verstecken. Auch Jamal, der sich zu einem selbstbewussten Jungen gemausert hat, schämt sich nicht seines künstlichen Ohrs. „Gucken andere Kinder, geht er auf sie zu und zeigt ihnen das CI“, erzählt seine Mutter.

150 Kinder und 40 Erwachsene lernen derzeit im CICSüd, mit Hilfe ihres Implantats Sprache zu verstehen. Neun CI-Träger kommen aus dem Main-Tauber-Kreis. Seit 1996 gibt es die Spezialeinrichtung im Würzburger Stadtteil Heuchelhof für Kinder. „Vor sieben Jahren haben wir uns für Erwachsene geöffnet“, erläutert Kelly Schepers, die das Zentrum seit 2014 leitet. Kinder werden oft fünf oder sechs Jahre hinweg therapiert. Anfangs kommen sie entweder alle zwei Wochen für einen Tag oder alle sechs Wochen für zwei Tage ins Zentrum. Die Krankenkassen genehmigen zunächst 40 Reha-Tage, wobei es möglich ist, eine Verlängerung zu beantragen.

Der neunjährige Jamal wird seit seiner Operation vor sechs Jahren rehabilitiert. „Er ist nun fast fertig“, sagt Schepers. Zum Ende hin erhält er sozusagen den letzten Schliff: Der Junge soll das, was technisch durch das CI-Implantat möglich ist, gut ausschöpfen. Derzeit übt er, Gespräche in unruhiger Umgebung zu verstehen. Der Umgang mit Störgeräuschen, sagt Schepers, bedeutet für CI-Träger eine Herausforderung. Auch das im Straßenverkehr wichtige Richtungshören muss geübt werden.

Mit dem Cochlea Implantat steht gehörlosen Menschen eine Technik zur Verfügung, die ein kleines Wunder zu vollbringen scheint. Im Beratungsgespräch warnt Schepers allerdings vor der Erwartung, dass wirklich Wunder geschehen. „Das Implantat ist nicht zu vergleichen mit einem Hörgerät“, klärt sie auf. Hörgeräte verstärken, was da ist.

Künstliche Ohren hingegen erzeugen durch die elektrische Stimulation des Hörnervs etwas, was nicht mehr vorhanden ist oder noch nie vorhanden war. Mit Hilfe von zwölf bis 22 Elektroden versuchen sie, das zu leisten, was bei gesunden Menschen 15 000 Haarzellen vollbringen.

Mit CI Sprache verstehen zu lernen, ist laut Schepers anspruchsvoll. „Es genügt nicht, alle zwei Wochen zu uns zu kommen“, sagt die Logopädin, die aus Holland stammt: „Man muss auch zu Hause üben.“ Für Sarah Said ist dieses Üben im Alltag in Fleisch und Blut übergegangen. Es bedeutet ganz konkret, dass sie sehr viel mit ihren Kindern spricht. Sie lässt es zum Beispiel nicht bei der Bemerkung bewenden: „Kommt, wir decken den Tisch!“ Sondern sie versprachlicht jede kleine Handlung: „Jetzt nehmen wir die Teller und stellen sie dorthin, an die Seite kommen die Gabeln und die Messer . . .“

Noch viel schwieriger als für Kinder ist es für Erwachsene, sich die Sprache nach einer erworbenen Hörbehinderung neu anzueignen. Gerade sie müssen mit der Enttäuschung fertig werden, dass das künstliche Ohr das frühere Hören nicht zurückbringt. „Musik zum Beispiel werden Erwachsene, die einmal normal gehört haben, wahrscheinlich nie mehr richtig genießen können“, sagt Schepers. Dennoch lassen sich auch Senioren auf eine Operation ein: „Unser ältester Rehabilitand ist 89 Jahre.“

Auch im Erwachsenenalter spricht viel für eine Implantation. Denn nichts hören zu können, das beschränkt die Teilhabe ungemein. Stark Hörbehinderte fühlen sich oft isoliert und ausgeschlossen. Das Cochlea Implantat bietet die Chance, wieder in Kontakt mit anderen Menschen zu kommen.