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Es geht auch ohne... Plastik

Archivartikel

Seit Anfang März hat Eduard Justus seinen verpackungsfreien Laden „Eddie’s – Unverpackt Einkaufen“ in der Schwetzingerstadt geöffnet. Im Interview erzählt der 31-Jährige von seinen Überzeugungen und wie es dazu kam, einen Laden zu eröffnen, in dem es  Brot, Pasta, Reis, Getreide, Hülsenfrüchte, Müsli, Süßigkeiten und vieles mehr ohne Plastik gibt.

Das Konzept der verpackungsfreien Läden ist ja schon bekannt. So gibt es das auch schon in Heidelberg. Ist das dein erster Laden?

Ja, das ist mein erster. Wir sind komplette Quereinsteiger, meine Frau und ich. Momentan ist sie noch nicht dabei, weil sie sich um unser Baby kümmert, aber wenn sie ein bisschen mehr Luft hat, wird sie auch hier sein.

Und aus welcher Branche kommst du eigentlich?

Ich bin Diplom Wirtschaftsingenieur. Und habe lange bei einem Mannheimer Industrieunternehmen im Einkauf gearbeitet. Sieben Jahre lang. Meine Frau und ich haben ein Jahr Auszeit genommen – das heißt, das ist jetzt acht Jahre her, dass ich dort angefangen habe.

Wie kommst du dann zu diesem Thema? Verpackungsfrei…

Auf das konkrete Thema hat mich meine Frau gebracht. Aber das kritische Hinterfragen liegt in unserer Natur. Wir gucken uns schon immer Sachen an und fragen uns „Muss das so sein wie es ist?“ Wenn es für uns keinen Sinn macht – es sollte also eine gewisse Logik dahinter stecken – dann denken wir noch einmal genauer darüber nach. Für uns ist der Konsum ein großer Diskussionspunkt. Sprich: nicht einfach nur Lebensmittel, sondern auch Kleidung, Elektronik und sämtliche andere Konsumgüter. 

Was bedeutet das in der Praxis?

Beispielsweise bei einer Waschmaschine: Muss ich mir wirklich eine neue kaufen? Meine alte funktioniert ja noch, aber die Werbung sagt, mit der anderen kann ich zwei Liter Wasser pro Waschgang sparen. Ich sehe das dann aus der gesamtheitlichen Bilanz: Um eine Waschmaschine herzustellen, geht viel mehr Energie drauf. Da ist es vielleicht besser, die Lebensdauer von der alten Maschine zu verlängern – durch eine Reparatur oder so.

So kamst du dann zu diesem Laden? Hat dir das hier in Mannheim gefehlt?

Ja genau. Wir haben zwar ab und zu in anderen Städten verpackungsfrei eingekauft, aber hier hat es einfach gefehlt. Und während unserer Reise – als wir aus dem Beruf ausgestiegen waren – wurde unser Wunsch dann konkreter, diesen Laden aufzumachen. Wir identifizieren uns einfach gut mit dem Thema.

Sind all eure Produkte Bio?

Ja, wir dürfen das jetzt ganz offiziell auch aussprechen (lacht). Wir haben gerade unsere Zertifizierung hinter uns. Dabei wird geprüft, ob die Prozesse stimmen oder ob wir unsere Waren beim Eingang korrekt kontrollieren – dabei geht es darum, dass keine Vermischungsgefahr mit konventionellen Produkten besteht.

Wie war das dann für euch als Quereinsteiger – musstet ihr euch einlesen? Als Normalverbraucher weiß man ja beispielweise nicht, dass man so ein Zertifikat braucht…

Ja, das stimmt. Über das Thema Bio haben wir uns anfangs keine großen Gedanken gemacht. Ganz einfach, weil wir dachten: „Okay, wir kaufen Bio-Ware ein, und verkaufen das auch als Bio.“ Wir haben uns aber mit anderen Unverpackt-Läden ausgetauscht und das dann alles erfahren.

Das heißt, da gibt es eine Community?

Sozusagen. Man ist im Austausch miteinander und wir versuchen, die gleichen Lieferanten zu nutzen, um unsere Interessen bestmöglich vertreten zu wissen. Das kann man besser, wenn man Mengen bündelt. So haben wir auch einen besseren Stellenwert beim Lieferanten und können beispielsweise Wünsche äußern, welche Produkte welche Verpackungen haben sollen.

Kann sich ein Student oder Geringverdiener eure Produkte leisten?

Wir verkaufen Bio-Qualität. Bei den Preisen sind wir aber definitiv wettbewerbsfähig mit anderen Bio-Läden. Es kommt natürlich immer darauf an, was man kauft. Die Basics kann man sich auf jeden Fall leisten. Ich hatte kurioserweise gestern Kunden hier, die sich gewundert haben, warum es so günstig war (lacht). Der Vorteil ist, man kann bedarfsgerecht einkaufen. Man kauft also nur die Mengen ein, die man tatsächlich braucht. So spart man natürlich auch Geld. Viele Lebensmittel werden einfach weggeworfen, weil man die Mengen nicht rechtzeitig verbrauchen kann, die man einkauft.

Ändert sich denn gerade die Konsum-Mentalität?

Für mich gibt es momentan zwei Lager an Menschen, die hier her kommen: Das sind die Menschen, die das Thema kennen – überwiegend junge Menschen oder Familien. Und es gibt diejenigen, die spontan hier reinkommen, denen das Konzept dann gefällt und die dann wieder kommen. Wir versuchen natürlich den Benefit weiterzugeben, den das unverpackte Einkaufen mit sich bringt. Grundsätzlich hoffe ich aber natürlich, dass ein Umdenken stattfindet. Bei den jungen Menschen sehe ich das ganz klar. Und die älteren, die schon Richtung Rente gehen, die kennen das noch von früher – Stichwort „Tante Emma“.

Wie kam es dann dazu, dass das mit Verpackungen so aus dem Ruder gelaufen ist?

Wenn man sich mit den Leuten unterhält, sagen sie, sie wüssten gar nicht, wie man da reingeschlittert ist. Grundsätzlich hat irgendwann die Industrie gemerkt, dass es mit Verpackungen einfacher ist. Die Menschen wurden da hin erzogen. Nehmen wir mal Gurken als Beispiel: Das sind ja meistens riesige Mengen, die die Händler in ihren Lagern haben. Und durch die Verpackungen können sie verhindern, dass eine schimmlige Gurke die anderen ansteckt. Ein anderer Aspekt ist, dass sie so die Bio-Produkte von den konventionellen trennen. Grotesk ist aber: Die Bio-Gurken sind dann in Folie verpackt. Die Konventionellen gar nicht. Das ist auch alles eine Kostenfrage. Wahrscheinlich ist dieser Weg einfach günstiger.

Das klingt jetzt ja aber sehr verständnisvoll. Verurteilst du das gar nicht?

Wenn ich das nicht verurteilen würde, würde ich nicht so einen Laden aufmachen. Das Thema ist: Meistens steht da ein Profit dahinter. Und wenn das der günstigere Weg ist, dann wird das so gemacht. Ich habe damit einfach nur die Argumentationskette beschrieben. Ich sage aber definitiv nicht, dass das gut ist.