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Frohen Mutes in den Abgrund

Archivartikel

„Wie sehr braucht man sich, um überleben zu können?“ Das ist die entscheidende Frage, die Matthias Breitenbach und Martin Weigel beantworten müssen, wenn sich am Samstagabend im Mannheimer Nationaltheater das erste Mal der Vorhang hebt. Denn als Wladimir und Estragon verkörpern die beiden Mimen in der bevorstehenden Premiere nicht irgendwen – als Protagonisten des Samuel Becketts-Kultwerks „Warten auf Godot“ schweben sie zwischen der Not des Wartens und dem Drang des Existenziellen. Ein Gang auf der Rasierklinge, die entsprechende Spannung inklusive.

Dabei haben beide Schauspieler besonders zu dieser Produktion ihre Bezüge – ob regionaler oder thematischer Natur. Während Matthias Breitenbach das Rhein-Neckar-Delta seit seinen Engagements im Ludwigshafener Odenthal-„Tatort“ und den Aufnahmen zu „Hotel Heidelberg“ bereits bestens kennenlernen konnte, durfte Martin Weigel als Estragon in einer Freiburger Beckett-Inszenierung unlängst vom Geschmack des Fatalen kosten. Erfahrungen, die die beiden Hauptdarsteller für ihren Mannheimer „Godot“ nutzen wollten, um mit Regisseurin Sandra Strunz einen Kosmos zu erfinden, der die Barrieren des Denkbaren mit aller Macht einreißt.

Ein neuer Denkraum von unerkannter Macht

„Interessant wird es doch da, wo ich die Grenzen verschiebe, bis ich falle und in Abgründe stürze, um dort etwas ganz Anderes zu finden“, wie es Martin Weigel in Worte fasst und dabei sein Heil darin sieht „maximal die Kontrolle zu verlieren.“ In einer Welt, die auf ständig verfügbaren Sinn geeicht sei, treibe es zwar auch ihn in den Wahnsinn, das Warten neu zu erlernen, „aber wenn wir die Freiheit, die sich daraus ergibt, als Pflicht begreifen, etwas darin zu entdecken und den Moment für uns radikal neu erfinden, dann kannst du anfangen zu spielen.“

Eine Mission, die auch für die beiden Theater-Routiniers keineswegs eine Kleinigkeit darstellt. Denn wie Pozzo und Lucky sind auch die beiden Künstler als Menschen Teil der „Ist-Gesellschaft zwischen Sklaventreiberei und Masochismus“ – und steigen auf der Bühne doch in den Ring, um in der gegenseitigen Zuneigung am Rande der eigenen Depression ihr ganz anderes Lebenselixir zu brauen. „Der Normalzustand der Welt ist Bewegung“, wie auch Matthias Breitenbach weiß und die Zumutung kennt, sich gegenseitig aushalten zu müssen: „Es ist schwer zu ertragen, dass – beispielsweise die Erlösung – nicht passiert, auf die man so dringend wartet – und bei vielen Menschen führt das aus komplett verständlichen Gründen zu Frustration und Ärger. Dass mit mir aber auch dann etwas passiert, wenn nichts passiert, ist eine verstörende Erfahrung von unschätzbarem Wert.“

Die Macht des Wartens

Wie vielgestaltig das Warten dabei verstanden werden kann, haben auch die beiden Schauspieler erst während der gut sieben Wochen Zeit der Probe in Mannheim vollends begriffen. Denn ob Juden, Flüchtlinge oder Fridays for Future-Aktivisten das Warten auf einen Neuanfang mit eigenem Handeln beenden wollen, oder die Mächtigen der Welt das Warten als bewusstes Mittel des Protests einsetzen: Das Warten selbst besitzt Macht. Die will Martin Weigel jedoch keineswegs als Verführung zu lasziver Langeweile oder gebilligtem Müßiggang missverstanden wissen: „Das eigene Denken ist auch bei den Verlockungen der Macht nicht zu schlagen. Wenn ich mir aber zutraue, mich zu verschwenden und dabei auf das warte, was mir zunächst als Unsinn erscheint, mich kreativ aber weiterbringt, habe ich eine Erfahrung gemacht, die ich jedem wünsche. Der Kollateralschaden auf diesem Weg ist mit eingerechnet. Aber am Ende bezahlen wir in unserem Leben auch für das, was ich nicht tue, einen Preis – und der ist definitiv höher.“