ILMA - Ich liebe Mannheim

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Archivartikel

Schon von weitem ist der weiße Schirm auf dem Schlossplatz zu sehen – das Erkennungszeichen, mit dem Steffen Weber (32) auf die Teilnehmer seiner Stadtführung wartet. Ausnahmsweise findet die Tour an einem Mittwoch statt, initiiert von einer Gruppe aus Heidelberg, doch die Führung ist für alle offen, die mitmachen möchten. Und so finden sich insgesamt rund 20 Personen ein, die Mannheim zu Fuß entdecken möchten.

Ein Fenster mehr als Versailles

„Mannheim macht es seinen Touristen nicht einfach, sich wohlzufühlen“, sagt Steffen mit Blick auf den Schlossplatz, der statt saftiger Parkwiesen mit Steinen gepflastert ist, die schon am Vormittag bei mäßigen Temperaturen ordentlich Hitze abstrahlen. Ursprünglich war dieser Platz als Veranstaltungsort geplant. Doch weil die Akustik so gut ist, wird der Lärm direkt in die Quadrate getragen, zum Ärger der Anwohner. Deshalb finden nur maximal fünf Veranstaltungen im Jahr auf dem großen Platz statt. Wer aber über die etwas trostlosen Pflastersteine hinwegsehen kann, der ist beeindruckt vom Panorama, welches das Barockschloss – nach Versailles das zweitgrößte in Europa – bietet. „Wir haben hier nicht mehr die wehrhafte Burg auf dem Berg wie in Heidelberg. Als Kurfürst Karl Philipp von Heidelberg nach Mannheim übersiedelte, ging es um Repräsentation“, erklärt Steffen. „Deswegen hat das Mannheimer Schloss auch ein Fenster mehr als Versailles. Schon im 18. Jahrhundert ging es also hauptsächlich darum, wer den Längsten hat.“ Lachen in der Gruppe. Spätestens jetzt sind alle dabei.

Schloss, Unibib, Kirche

Vom Schloss geht es an der Unibibliothek vorbei zur Jesuitenkirche. Die war ursprünglich mit dem Schloss durch einen Gang verbunden, „damit der Kurfürst auch bei Regen trockenen Fußes in die Kirche gehen konnte“. Die im Krieg zerstörte Kirche wurde originalgetreu wiederaufgebaut: überall Marmor, barocker Prunk. Ganz im Gegensatz zur Schwester in Heidelberg. „Die war noch nicht fertig, als der Kurfürst nach Mannheim umgezogen ist. Deswegen ist sie – für katholische Verhältnisse – so schlicht eingerichtet.“

Nächste Station ist die Alte Sternwarte, an der so mancher wohl im Alltag vorbeiläuft. In Mannheim gab es keine Quellen, weshalb der Kurfürst sich Trinkwasser aus Heidelberg mit der Kutsche bringen ließ, erzählt Steffen. Aber bevor er sich um den Bau eines Wasserturms kümmerte, errichtete der astronomiebegeisterte Carl Theodor unter Mitwirkung des Physikers und Astronomen Christian Mayer 1772 lieber erst einmal eine Sternwarte, die unter Mayer zu einer wichtigen Forschungsstätte wurde. Die Vermessung des Landes nahm hier ebenso ihren Ausgangspunkt wie die internationale Wetteraufzeichnung, die noch heute weltweit zu den Mannheimer Stunden (7, 14 und 21 Uhr mittlerer Ortszeit) erfolgt.

Werke von Stadt.Wand.Kunst

Auf dem Weg in Richtung Reiss-Engelhorn-Museum kommen wir am Stadt.Wand.Kunst-Projekt „Die Freiheitstesterin“ des Künstler-Duos Sourati vorbei. Davon ist leider nicht mehr viel übrig – das Gebäude wurde inzwischen abgerissen. Doch Steffen weist auf einen kleinen Vogel an einer Hauswand in B 6 hin: „Auf dem Weg zum neuen Kunstwerk von Sourati im Jungbusch kann man immer wieder solche Vögel entdecken. Sie fliegen sozusagen vom alten Bild zum neuen.“ Kleine Details, die man im Stadtleben oft übersieht.

Street Art ist auf Wunsch der Gruppe ein Schwerpunkt des Rundgangs. Bevor wir vom Friedensengel aus das nächste Wandbild betrachten, gibt es eine Runde „Mannemer Dreck“, serviert mit einer netten Anekdote über die neuen Hygienevorschriften im 19. Jahrhundert, die eine Geldstrafe von zwei Talern vorsahen für den, der seinen Kot auf die Straße kehrte.

Als eine Teilnehmerin sich nach dem Friedensengel erkundigt, hat Steffen auch darauf eine kompetente Antwort parat: „Das ist ein Denkmal für alle Opfer des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs, sowohl auf deutscher als auch auf alliierter Seite.“ Das Mahnmal wurde 1952 vor der Jesuitenkirche errichtet. „Bemerkenswert, oder?“, meint Steffen. „Wenn man bedenkt, dass in der Nachkriegszeit immer noch der Nationalgedanke vorherrschte…“ Später nach E6 versetzt, steht der Engel nun dem Rathaus gegenüber – das in der Nazizeit erbaut wurde und dessen Grundriss von oben ein H darstellt, wie Steffen erklärt. „Keine Ahnung, warum die Alliierten da keine Bomben drauf geworfen haben. Vielleicht dachten sie, dass das H für Hospital steht und nicht für Hitler.“

StreetArt als Schwerpunkt

Dann wenden wir uns mit dem Blick Richtung Nordosten zum GBG-Wohnhaus in F6. An dessen Südwand prangt ein Mural des Duos Herakut (Jasmin Siddiqui und Falk Lehmann). „My Superhero Power is Forgiveness“ ist ein Teil des Giant Storybook Project – eines Bilderbuchs, dessen „Seiten“ über die ganze Welt verteilt sind. „Wer genau hinschaut, kann die unterschiedlichen Stile im Bild sehen“, sagt Steffen, „Siddiqui malt eher grobe Umrisse, Lehmann ganz detailliert, zum Beispiel die Hände oder Augen.“

Direkt auf dem Nachbarhaus ist das Bild „The Inevitability Of Leaving Things Behind“ von Yazan Halwani zu sehen. Der Künstler kommt aus dem Libanon. Sein Mural zeigt einen Mann, der seinen Koffer packt, um für immer seine Heimat zu verlassen. „Halwani malt Menschen, die ihm im Leben nur flüchtig begegnet sind.“ Auch hier hat Steffen eine Geschichte auf Lager: „Als Halwani auf seiner Hebebühne stand und malte, öffnete ein Hausbewohner das Fenster und fragte: ‚Willste ne Fanta?‘ Halwani sagt, er wusste nicht, was eine Fanta ist, aber hat sie angenommen und sich gleich willkommen gefühlt.“

Auf dem Weg durch den Jungbusch passieren wir die Kunstwerke „The modern thinker“ von Dmitri Aske, „New Wave“ von den Low Bros und das Eintanzhaus. „Können wir mal rein?“, bittet eine Teilnehmerin. Steffen fragt nach, muss uns aber leider enttäuschen. Weil dort Requisiten und Technik aufgebaut sind, ist das Gebäude nicht zugänglich.

Das letzte Mural der heutigen Tour ist an der Fassade von H5 3 zu sehen: Souratis „Abschied und Neubeginn“ – der Nachfolger der „Freiheitstesterin“. Anschließend biegen wir ab in Richtung Marktplatz. „Die Mannheimer nennen das Quartier liebevoll Little Istanbul“, sagt Steffen, „achtet mal auf die ganzen Gerüche und Geräusche hier. Das ist wie Urlaub.“ Kurz bevor wir den Marktplatz erreichen, noch ein wertvoller Tipp: „Wenn ihr Gözleme essen wollt – das hier ist meine Adresse dafür“, sagt Steffen und deutet auf die türkische Bäckerei Pasa, wo hinter der Theke die gefüllten Fladenbrote gerollt werden.

Am Marktplatz verabschiedet sich Steffen unter Applaus von der Gruppe: „Wenn es euch gefallen hat, sagt es weiter!“ Zum Abschluss gibt es noch ein Gruppenfoto.

Konzept der Stadtführung

Pünktlich zum Ende der Führung kommt auch Tim Sperber (25), der Initiator der Free Walking Tour, am Marktplatz an. Er ist frisch aus Frankfurt angereist. Bei Gözleme reden wir über das Konzept der kostenlosen Stadtführung. „Ich bin schon immer gerne gereist und kenne die Free Walking Tour aus anderen Ländern und Städten“, berichtet Tim. Darauf gestoßen ist er über das Couch Surfing – eine Plattform, bei der Privatpersonen Reisenden einen Schlafplatz auf ihrem Sofa anbieten. Ihm hat es gefallen, dass dort Einheimische die Stadt aus ihrer Sicht zeigen. „Aber es hat mich genervt, dass das manche nur wegen des Geldes machen. Studenten, die sich mit der Stadt, in der sie vorübergehend wohnen, gar nicht identifizieren.“

Kostenlos und auch auf Englisch

Der Mannheimer wollte es besser machen. Seit drei Jahren bietet er die kostenlose Stadtführung in Mannheim an – neben dem Studium in „International Sport Development and Politics“ in Köln und seiner Arbeit als Flugbegleiter bei der Lufthansa in Frankfurt. Tim möchte seine Heimatstadt zeigen, wie sie in keinem Reiseführer steht. Wenn er den Rundgang macht, füttert er die Führung mit Persönlichem. Und noch eine Marktlücke hat er entdeckt: „Es gibt keine regelmäßigen Führungen auf Englisch in Mannheim. Die muss man extra buchen bei der Stadt. Und die Hinweisschilder an Sehenswürdigkeiten sind auch nur auf Deutsch.“ Die Free Walking Tour ist nicht nur kostenlos, sondern findet auch auf Englisch statt, sobald einer der Teilnehmer kein Deutsch spricht.

Steffen ist seit zwei Jahren dabei. „Ich hatte bei der Stadt angefragt, weil ich mich gerne als Stadtführer ausbilden lassen wollte. Aber die haben sich nie gemeldet“, berichtet der der 32-Jährige, der als Chemielaborant bei BASF arbeitet und seit zehn Jahren in Mannheim wohnt. Aus Interesse nahm er an einer von Tims Führungen teil. Und wollte gleich mitmachen. Tim warf ihn ins kalte Wasser: „Er hat gesagt: Cool, dann fang doch nächste Woche an.“

Auch Radtouren im Angebot

Inzwischen bieten die beiden auch Radtouren durch Mannheim an, bei denen sie die Stadtteile erkunden. „Wer in der Neckarstadt wohnt, geht selten auf den Almenhof“, sagt Tim, „wir wollen auch Mannheimern die Gelegenheit geben, ihre Stadt besser kennenzulernen.“ Buchen kann man die Touren auch privat, das kostet dann. Die Preise sind flexibel: „Das kommt darauf an, ob wir die ganze Tour von dreieinhalb Stunden machen oder eine kürzere Version, wie viele Personen mitmachen und was das Budget so hergibt“, erklärt Tim. Die öffentliche Tour ist kostenlos: „Damit wirklich jeder dabei sein kann.“