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KultTour Neckarstadt-Ost

Kunst, verpackt in kleine Räume

Archivartikel

Mannheim.

Durch ihre Altbauten, die urigen Innenhöfe und die kleinen und größeren Ateliers ist die Neckarstadt-Ost prädestiniert für einen Kultur-Spaziergang – das dachten sich zumindest die beiden Organisatorinnen Lys Y. Seng und Gisela Kerntke, als sie am Freitagabend die neunte „KultTour“ und damit ein Wochenende voller Kunst, Lesungen, Tanz und Musik eröffneten.  „Was wir hier haben, ist keine große, laute Kunst. Wir verpacken die Kunst in kleine Räume“, sagt Gisela über die KultTour.

Was sie damit meint, wird deutlich, wenn man das Atelier von Kathleen Knauer, deren Werke bereits in New York ausgestellt wurden, betritt. Die Bilder ihrer neuen Serie „Agua“ hängen an der bunten, mit Farbspritzern verschmierten Wand, Pinsel stehen noch daneben. Seit 2012, dem Jahr, in dem Lys bei einem Spaziergang durch die Neckarstadt Pinsel in dem Fenster der Künstlerin entdeckt hatte, ist Kathleen bei der KultTour dabei.  Für sie ist es immer noch etwas Besonderes: „Die KultTour bietet sich einfach dafür an, mein Atelier zu öffnen, es gibt sehr viele Interessierte“, erzählt Kathleen.

Porträts zum Mitnehmen

Ein Publikumsmagnet sind auch die Fotografen Steffen Diemer und Hannah Schemel: Sie sind mit einer „Afghan Instant Kamera“ in den Straßen der Neckarstadt-Ost unterwegs. Die nachgebaute Kamera der beiden, die einzige „Afghan Instant Kamera“ deutschlandweit, wird in Afghanistan seit den 1950ern bis heute zur Straßenfotografie genutzt. Analog, auf Fotopapier und zum Mitnehmen fertigen die beiden Fotografen in afghanischer Tradition innerhalb von fünf Minuten Porträts von Passanten an.

Nicht nur die Anwohner der Neckarstadt-Ost, sondern auch zwei Chilenen hat es auf die KultTour verschlagen: Carlos Brito, der nach seinem Auslandssemester in Mannheim „Work and Travel“ macht und seine Freundin Anais Rodas. Seit morgens sind sie bereits, gemeinsam mit einem Kommilitonen, Philipp Schöppler, unterwegs. Nach dem Besuch der Hofflohmärkte wollen sie nun mit einem Tomatenpesto-Burrito in der Hand ihre Erkundungstour durch die Neckarstadt-Ost beginnen.

„Normalerweise sind die Deutschen recht verschlossen, und jetzt kann man in die Häuser und Gärten gehen“, zeigt sich Carlos begeistert: „Durch die KultTour und den Hofflohmarkt kommen die Leute zusammen, reden miteinander, sind einfach offen.“ Vorgenommen haben sich die drei noch keine Stationen, sie wollen sich „einfach treiben lassen“ – genau, wie es der Plan der Organisatorin Lys war. Der Plan des „Wochenendes der Entschleunigung“ geht vollkommen in der Hausgemeinschaft „Die kleine Metzgerei“ auf. Gitarren-Musik, lauschige Sessel und bunte Lampions über der Theke laden Besucher zum Verweilen ein. In den Räumlichkeiten einer ehemaligen Metzgerei, an die sich scheinbar niemand erinnern kann, werden an diesem Wochenende Werke zweier Künstlerinnen ausgestellt. Dank der sanften Gitarrenklänge mit Gesang kommen in gemütlicher Atmosphäre auch Musikfreunde auf ihre Kosten.

Eines war dieses Jahr neu, unsichtbar für Beobachter von außen: „Wir wollten die Künstler an den Vorbereitungen mehr beteiligen, mit ihren Ideen und ihrer Hilfe, und sie haben angebissen“, sagt Gisela.  So habe sich mittlerweile, nach zahlreichen Treffen, in der Gemeinschaft der Ehrenamtlichen ein „Wir-Gefühl“ entwickelt.

Nur das Wetter könnte besser sein

Und die Vorbereitungen, die bereits im Dezember letzten Jahres begonnen haben, scheinen sich auszuzahlen: „Bis jetzt ist die KultTour gut angekommen“, resümiert Gisela den ersten Tag. Die Organisatorin selbst war bereits bei der Führung durch das Turley, ist bei einem Cocktail im „Patino Latino“ hängengeblieben und möchte noch schnell weiter zur Ausstellung im „Luisella“.

Für Gisela ist insbesondere die Kombination mit dem Hofflohmarkt „Neckarschätze“ gelungen: „Die Leute laufen bereits seit morgens an den Ballons entlang und entdecken so nicht nur den Flohmarkt, sondern auch die KultTour.“ In der Neckarstadt-Ost schmückten nämlich bereits morgens viele Schilder die Eingänge von Innenhöfen, die frische Waffeln oder fruchtige Limonade verhießen.

Das einzige, was am ersten Tag besser hätte laufen können, sei das Wetter, so Gisela. Zwar war Lys sich zum Start der KultTour noch sicher, dass die Sonne scheinen würde – leider gab es nur einige Pausen zwischen dem Regen. Dennoch hatten die meisten vorgesorgt: So wurden der Hofflohmarkt und die KultTour kurzerhand in den Hofeingang verlegt oder unter wasserfesten Pavillons verpackt. Nebenbei ließen die zahlreichen Regenschirme die Neckarstadt-Ost umso bunter wirken.

Damit hat die KultTour 2018 bereits an zwei Tagen gezeigt, wie vielfältig und facettenreich Kultur sein kann. Wir freuen uns auf den letzten Tag – hoffentlich dann mit Sonnenschein.