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Progressiver Schmelztiegel der Kulturen

Archivartikel

Als vor mehr als acht Jahren in der Mannheimer Ideenwerkstatt Laboratorio17 alles begann, war der Wunsch nach einem soziokulturellen Zentrum im Jungbusch nichts weiter als eine Vision – was Hermann Rütermann und sein Team in einem knappen Jahrzehnt aus den Kulturbrücken geformt haben, findet mittlerweile weit über die Stadt hinaus Anerkennung. Ein Porträt eines durch und durch außergewöhnlichen Vereins.

Brasilianisches Essen trifft auf Capoeira

2011 nimmt alles mit einem Pioniergedanken seinen Lauf. Denn Hermann weiß: „Die Kultur ist da, wo man sie hinbringt.“ Der Wille, junge Zugezogene, aber auch die breite Mannheimer Bürgerschaft nicht in die Innenstadt zu verlieren, ist groß. Die lokalen Taten sollten nicht lange auf sich warten lassen. Noch im gleichen Jahr finden mit Künstlern wie Kayed Sagalla und David Kwick die ersten Hip Hop-Workshops, aber auch transkulturelle Ausstellungen in der Jungbuschhalle statt. Brasilianisches Essen trifft auf Capoeira. Es entsteht ein Reichtum, der auch Marlit Kamps magnetisch anzieht, die offen von sich sagt: „Ich mag den Jungbusch – dass du aus allen Schichten und allen Ländern Menschen zusammenkommen siehst, das gibt es so nur hier.“

Einmaliges Angebot

Doch die Aufwände in der Jungbuschhalle sind immens. Stunden, manchmal Tage gehen für Transporte sowie Auf- und Abbauarbeiten verloren – für die komplett ehrenamtlich arbeitenden Organisatoren auf Dauer nicht tragbar. Wie ein Segen kommt daher wenig später das einmalige Angebot, in der alten Kaufmannsmühle im Hafengebiet ein Loft für die eigenen Veranstaltungen anzumieten und programmatisch bespielen zu können. Womit Hermann Rütermann und die Seinen so gar keine Probleme haben.

Grenzen existieren hier nicht

In Kooperation mit dem Mannheimer Jobcenter führt man 2013 pädagogische Projekte mit jungen Straffälligen durch, bietet interkulturelle Hausaufgabenhilfe an, stellt aber auch der kleinen Gemeinde der Bahai-Religion die eigenen Räumlichkeiten für Veranstaltungen zur Verfügung. Es entsteht eine ungeahnte Dynamik, mit der selbst die kühnsten Optimisten nicht gerechnet hätten. In Zusammenarbeit mit dem regional bestens vernetzten Roland Wollweber gibt Sänger Andreas Kümmert lange vor seiner Castingshow-Zeit ein umjubeltes Wohnzimmer-Konzert in den Kulturbrücken, aber selbst nationale Größen wie Ton, Steine, Scherben gastieren vor dieser intimen Kulisse, von denen Künstler oft noch Monate im Anschluss schwärmen. Nicht zuletzt, weil die üblichen Grenzen zwischen Bühne und Publikum, Eitelkeit und Huldigung hier, im Jungbusch, nicht existieren.

Schaufenster der Vielfalt

Hermann Rütermann nennt das „die Kraft der Gastfreundschaft“, in Wahrheit erweist sich dieser Bund als progressiver Schmelztigel der Kulturen – und das im besten denkbaren Sinne. Und das auch nach dem zweiten Umzug. Denn wer heute in die hell verglaste Immobilie blickt, erkennt dabei räumlich nicht nur den authentischen Charme einer alten Druckerei wieder, sondern auch das, was daraus entstanden ist: Ein Schaufenster der Vielfalt. Mit weltwärts orientierten Bildern des Mannheimer Fotografen Luigi Toscano. Einer Bar, unter dessen glanzvoll dekoriertem Himmel schon so mancher Mitternachtsdrink kommende Liebschaften vorausgesagt hat. Aber auch internationalen Künstlern zwischen Israel und der Ukraine, die hier auf der einen Seite eine Bühne erhalten, auf der anderen aber auch problemlos mal eine Nacht bleiben dürfen, anstatt sich im Tourbus die Kilometer um die Ohren zu hauen.

Plattform urbaner Kunst

Dass sich die Kulturbrücken die Offenheit dabei nicht nur anheften, sondern alles Neue zuerst einmal als Bereicherung verstanden wird, gehört dabei zum Prinzip einer Organisation, die von tief neugierigen Menschen gelenkt wird, deren Entdeckungswille keine Grenzen zu kennen scheint. Was sich auch im mutigen Zuschnitt der Vereinsaktivitäten herauslesen lässt. Ob sich Petra Kraus liebevoll um die Bepflanzung und Einrichtung des übernommenen Kulturgartens kümmert, Shalaka Valiavila eine indische Tanzgruppe für Kinder und Jugendliche gegründet hat, oder die beiden DJ-Künstler Kevork Msade und Hamsa Hedfi Partys für die schwule Community organisieren: Mit den Kulturbrücken ist eine Plattform urbaner Kultur entstanden, die man im Jungbusch, aber auch ganz Mannheim nicht mehr missen will.