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Soziokulturelle Kunst im Hinterhof

Archivartikel

Wagen sich Kunstinteressierte in den Hinterhof eines heruntergekommenen Industriegebäudes am Rande des Jungbuschs, so entdecken sie das Künstlerhaus „zeitraumexit“. So mancher Besucher, der die Einrichtung noch nicht kennt, würde die Räumlichkeiten am Neckarufer wahrscheinlich nicht ohne die Beschilderung finden. „Der Jungbusch passt vom Gefühl, ein Stadtteil im Aufbruch“, findet Stephanie Staib, die für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Marketing zuständig ist.

Ausstellungsmöglichkeiten für nicht-etablierte Künstler

Vor 15 Jahren, damals noch in der Langen Rötterstraße, haben sich die vier Mannheimer Künstler Gabriele Oßwald, Tilo Schwarz, Wolfgang Sautermeister und Elke Schmid zusammen getan und das Kreativhaus gegründet. „Ihnen fehlte ein Ort für experimentelle Kunst in Mannheim“, erzählt Charlotte Arens, die seit 2016 gemeinsam mit dem künstlerischen Leiter und Geschäftsführung Jan-Philipp Possmann das Programm von „zeitraumexit“ gestaltet. Seit 2007 befinden sich die Räumlichkeiten im Jungbusch. Die vier Gründer stellten zunächst ihre eigene Kunst und die Werke von Künstlern aus ihrem Bekanntenkreis aus. „Nach und nach haben sie dann aber auch zeitgenössische Künstler aus ganz Europa nach Mannheim eingeladen und hatten dabei einen ganz guten Riecher“, so Arens. So entstand mit „zeitraumexit“ ein Ort für künstlerisch-experimentelle Formate, an dem gesellschaftlich relevante Themen ihren Platz finden. Insbesondere soziokulturelle Projekte, die eine Schnittstelle zwischen Kunst und Gesellschaft markieren, wie die „Artfremde Einrichtung“, das „Mannheimer Kulturerbe“  oder das performative Format „Wunder der Prärie“,  machen das Künstlerhaus aus. Bei dem Projekt „Mannheimer Kulturerbe“ haben fast 100 verschiedene Nationen, die in Mannheim leben, präsentiert, wie sie ihre eigene Kultur oder ihre zweite Kultur in Mannheim leben. Das Kulturerbe des Australier Daniel Salecich beispielsweise sind die in Australien weitverbreiteten Vogelarten Kookaburras und Galahs, die es auch im Luisenpark in Mannheim gibt. Die „Artfremdende Einrichtung“ richtet sich direkt an die Gesellschaft, erklärt Arens: „Wir haben kein eigenes Programm, sondern fragen die Künstler: Was würdet ihr umsetzen, wenn ihr die Räumlichkeiten hättet?“ Wer bei der „Artfremden Einrichtung“ ausstellen darf, entscheidet das Plenum demokratisch. Bei einer der letzten Abstimmung haben beispielsweise zwei Schüler mit ihrer Idee „WirGeschichten“ gewonnen. Bei diesem Projekt können Besucher an einem öffentlich zugänglichen Computer ihren Teil zu einer sich fortentwickelnden Geschichte beitragen. So bietet „zeitraumexit“ nicht-etablierten Künstlern, die keine eigenen Ausstellmöglichkeiten haben einen Raum für ihre Kunst. „Wir wagen dabei selber etwas. Und dabei treten wir in direkten Kontakt mit den Künstlern, mit den wir zusammen arbeiten. Wir sind Gastgeber und nicht Dienstleister“, so Arens.

Grenzen überschreiten

Mit diesen Projekten scheint das Künstlerhaus gut in den aktuellen kreativschaffenden Zeitgeist zu passen. „In den letzten Jahren ist zeitgenössische Kunst in der Bundesrepublik dokumentarischer und politischer geworden. Das sorgt für einen Realitätseffekt. Oft sind Menschen, die nicht ausgebildet sind, Teil eines Kunstwerkes, “ erklärt Jan-Philipp Possman den gegenwärtigen Einschlag der Kunst. „Das ist auch hier bei uns so. Wir probieren nicht bekannte Formen aus oder überschreiten Grenzen. Beispielsweise das Mannheimer Kulturerbe hat mit Menschen zusammen gearbeitet, die sich nicht als Künstler sehen“, so Possmann weiter.

Aktuelle & geplante Projekte

Die Projektreihe „Artfremde Einrichtung“ geht noch bis 9. Juni. Im Frühling und Sommer sind außerdem gemeinsame Veranstaltungen mit den Experimentalmusikern elektrosmog geplant, sowie Open Air Kino. Im Herbst eine Kooperation mit dem Eintanzhaus.