ILMA - Ich liebe Mannheim

Surreale Dekadenz: Was du über die Inszenierung „Don Giovanni“ am NTM wissen musst

Die junge Außenseiterin Ekaterina Vasileva hat sich im ersten Regiewettbewerb, den das Nationaltheater Mannheim (NTM) für eine Oper veranstaltet, durchgesetzt. Am Samstag, 14. Juli, feiert ihre Inszenierung von „Don Giovanni“ Prämiere. Die erst 29-jährige Russin, die bereits ein Theater in der Millionenstadt Tscheljabinsk leitet, schafft eine grotesk-surrealistische Welt - und zitiert dabei russische Popkultur.

Am Anfang steht ein Tod – am Ende auch

Der adelige Don Giovanni ist ein Frauenheld. Kein Mittel ist ihm zu schade, um eine Frau für sich zu gewinnen. Als er versucht, Donna Anna zu verführen, eilt ihr Vater, der Komtur (Il Commendatore), ihr zur Hilfe und wird von Don Giovanni kaltblütig ermordet. Daraufhin entspinnt sich die Handlung um den Aufreißer. Unterstützt wird er von seinem Diener Leporello, der seinen Herren für seine Skrupellosigkeit bewundert und gleichzeitig von seinem Verhalten schockiert ist. Donna Anna findet nach dem Tod des Vaters keine Ruhe – und fordert Rache. Ihr Verlobter Don Ottavio, der als Langweiler und Feigling das Gegenstück zu Don Giovanni bildet, soll diese für sie üben. Rachegelüste hat auch Donna Elvira, eine ehemalige Geliebte Don Giovannis. Gleichzeitig ist sie immer noch in den Bösewicht verliebt und zwischen ihren Gefühlen hin- und hergerissen. Bäuerin Zerlina, auf die der Schürzenjäger ein Auge geworfen hat, lässt sich zunächst von Don Giovanni um den Finger wickeln. Ihrem Verlobten Masetto passt das natürlich gar nicht. Als Donna Anna Don Giovanni als den Mörder ihres Vaters entlarvt, wendet sich das Blatt gegen den Frauenheld. Jedoch verlacht der Bösewicht jede Möglichkeit zur Reue und Läuterung und muss am Ende dafür büßen.

Weinstein ist ein „ekeliger Don Giovanni“

 „Wir wollten keine Inszenierung mit tagespolitischer Aktualität“, erklärt Jan Dvořák, Chefdramaturg Oper am NTM. Angesichts der „metoo“-Debatte liege eine solche natürlich  nahe; schließlich sei der US-Amerikanische Filmproduzent Weinstein ein „ekeliger Don Giovanni“.  Das Nationaltheater habe aber nach einer zeitlosen Interpretation des Don-Juan Stoffs  gesucht, die auch in 10 Jahren nichts  von ihrer Gültigkeit eingebüßt habe. Vasilevas Konzept überzeugte, weil sie die Handlung der Oper nicht irgendwo hin, also in eine uns bekannte Welt, verlegt habe. Stattdessen schüfe sie einen neuen Ort, an dem die Handlung von „Don Giovanni“ möglich sei,  „an dem Körperteile sich verselbstständigen und Proportionen aus dem Leim geraten“. Die russische Popkultur beeinflusse ihre fremdartige Ästhetik. Vasileva habe das Stück in einen abstrakten Raum gleich einer Ausstellung verlegt.

Von Lady Gaga bis Magic Mike

So verwundert es nicht, dass Bühnenbild und Kostüm zahlreiche Assoziationen an westliche Kunst wecken. Die komödiantische Inszenierung wirkt oft überzeichnet und comichaft. Die fleischig-rosa Frauen mit blonden Perücken, die gleich aufgescheuchten Hühnern Don Giovanni umwuseln, erinnern  mit überproportional ausgeprägten Hinterteilen, Bauch und Busen an Niki de Saint Phalles „Nana“-Plastiken. Später stapeln sich die spärlich gekleideten Damen, die Don Giovannis Eroberungen repräsentieren, wie Leichen auf dem Dach des Schwimmbeckens. Ihr Verführer, nachdem sie die Arme strecken, steht zwischen ihnen. Die Szene mutet an wie eine moderne Nachstellung Géricaults „Das Floß der Medusa“. Der Pool und das minimalistische Haus mit Palmen auf dem Dach erinnern dagegen an Edward Hopper oder die realistischen Bilder David Hockneys.

Auch die Kostüme erscheinen wie Zitate moderner Popkultur. Donna Anna wackelt mit Sonnenbrille, durchsichtigem Kunststoffrock, weißem Body und Strapse über die Bühne. Mit ihren blonden Haaren erinnert sie an Lady Gaga – oder eine reiche Russin, die zum Skiurlaub nach Sölden fliegt. Masetto, der einen Brustschutz mit aufgedrucktem Waschbrettbauch trägt, lässt dagegen an Channing Tatum in „Magic Mike“ denken. Seine Braut Zerlina, die ständig affektiert über die Bühne trippelt und alle Bewegungen maßlos übertreibt, ähnelt mit ihrem Brustschutz „Wonderwoman“.

Mozarts Fanclub

„Die Oper aller Opern“ nannte der Schriftsteller E.T.A. Hoffmann Mozarts Meisterwerk. Der Autor der Romantik war so voller Bewunderung für den österreichischen Komponisten, dass er seinen zweiten Mittelnamen von Wilhelm in Amadeus ändern lies. Mozarts Frauenheld wurde zum Urtyp des Verführers, mit dem sich Kunst und Literatur mannigfaltig auseinandersetzen. So ist unter anderem Don Giovannis Namensvetter Johannes, Protagonist in Sören Kierkegaards „Tagebuch des Verführers“, von dem skrupellosen Frauenheld inspiriert. Auch in moderner Literatur taucht der Schürzenjäger auf. Die neue Roman-Trilogie des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami „Die Ermordung des Commendatore“ dreht sich um die Oper.

NTM-Chefdramaturg Jan Dvořák  erklärt sich Hoffmanns Ausspruch so: „Mozart hat in ,Don Giovanni‘ all das aufgegriffen und verarbeitet, was Oper damals sein konnte“. Mozart habe Welt-Theater geschaffen, das in seiner Komplexität shakespearianisch sei.

Dvořák: „Die Oper ist lustig (Opera buffa) und gleichzeitig ernst (Opera seria). Je nachdem, ob die Inszenierung den Schwerpunkt aufs Komödiantische oder Dämonische legt, verändert sich die Wirkung des Stücks. Außerdem sind die Spielszenen so raffiniert ausgearbeitet, dass die Musik fast nie die Handlung behindert. Der Zuschauer weiß nicht, wer die Guten und wer die Bösen sind, da die Charaktere zu komplex sind“.

Champagnerschlacht im Swimming Pool

Das riesige Schwimmbecken scheint auf den ersten Blick wie eine Provokation, wie eine Abwendung der philosophischen, tiefgründigen Interpretation „Don Giovanni“s, die sich etwa bei E.T.A. Hoffmann und Kierkegaard findet. Das Komödiantische, Groteske, Überzeichnete steht im Vordergrund.

„Allerdings kann man den Pool auch als Symbol für Reichtum und ein besseres Leben sehen“, so Dvořák. Die Dekadenz von Don Giovannis Anwesen, die das Bauernmädchen Zerlina tief beeindruckt und anzieht, lasse sich auch als russische Milieustudie verstehen. Tatsächlich erinnert das luxuriöse Planschbecken, übersehen mit Schwimmreifen und aufblasbaren Schwänen („Floatables“), und die Champagnerflaschen an Bilder, die der Nachwuchs der russischen High Society auf Instagram teilt. Gleichzeitig hat der schwarze Pool etwas Düsteres. Seine Form ähnelt der eines Sarges. Wenn seine Abdeckung lautlos in das Innere des Hauses gleitet, mutet dies an, als fahre eine Totenlade in den Verbrennungsofen.

Mannheimer Sommer feiert Aufklärung

Der biennal stattfindende Mannheimer Sommer (früher: Mozart Sommer) als „Europäisches Festival für Musik und Theater von Mozart bis heute“ hat sich der Aufklärung verschrieben.

Ist er damit nicht drei Jahrhunderte zu spät? Dvořák schreibt dazu im Festivalprogramm: „bei allen Unterschieden zwischen Putin und Trump, zwischen AfD und Cinque Stelle, zwischen Orbán und Kaczyński: Eine gründliche Verachtung der Wahrheit ist ihnen allen eigen“. In Zeiten, in denen demokratischen Errungenschaften in Frage gestellt werden, in denen statt Vernunft und Menschenrechte, Angst und Vorurteile regieren, will der Mannheimer Sommer einen Gegenakzent setzen und „eine Feier unserer künstlerischen, politischen und persönlichen Freiheiten“ sein.

Das ist alles schön und gut. Doch wie passt Don Giovanni, die große Premiere, und damit in gewisser Weise das Kernstück, in das Festival?

Dvořák: „Mozart komponierte „Don Giovanni“ kurz vor der französischen Revolution. Fast erscheint die Oper deshalb wie eine Prophezeiung: Ein Adeliger, der sich unmoralisch und unverantwortlich verhält, und nie die Konsequenzen seiner Handlungen tragen muss, landet letztendlich in der Hölle. Die Oper idealisiert nicht, sondern beschreibt - ganz im Sinne der Aufklärung. Der gesellschaftliche Zustand wird durch psychologisch-musikalische Mittel veranschaulicht“.

Ohne direkt politisch zu sein, beschreibt die Oper die Atmosphäre der damaligen Zeit. „In einer Szene singt Don Giovanni : ,Viva la libertà!‘ ( ,Es lebe die Freiheit!‘). Damit meint er eigentlich die erotische Freiheit. Jedoch stimmen alle in seinen Gesang ein“, sagt der Chefdramaturg. Dadurch kippe die Stimmung gegen Don Giovanni. Die Szene bereite seinen Untergang vor.

Oper für Rachsüchtige

Oper, das ist etwas für Leute über 50. Tatsächlich entsteht dieser Eindruck, wenn man den Blick über das Publikum eines gewöhnlichen Opernabends schweifen lässt. Doch das ist ein Irrtum. Wer dem Musiktheater eine zweite Chance geben will, für den ist Vasilevas Inszenierung von „Don Giovanni“ das Richtige.

Nicht nur findet jeder in dem assoziativen Bühnenbild etwas Vertrautes. Die Themen Liebe, Rache und Betrug sind so alt wie die Menschheit selbst - und doch immer aktuell.

Sucht man  Aufmunterung und Solidarität, weil der Liebste einen betrogen hat, ist man bei „Don Giovanni“  genau richtig. Der einsamen Elvira spendet Leporello Trost, in dem er ihr Don Giovannis Eroberungen aufzählt. Wer die Phase der Trauer schon hinter sich gelassen hat, kann sich an Donna Anna orientieren, die zielstrebig ihre Rache Pläne verfolgt – und uns vielleicht Inspiration bietet? Und wer wie Leporello gar kein Liebesleben hat, kann sich vielleicht vom Verführer Don Giovanni und der gerissenen Zerlina ein Scheibchen abschneiden.