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Weinprobe zwischen Bücherbergen in der Neckarstadt

Archivartikel

Drückende 35 Grad zeigt das Thermometer. Auf den Neckarwiesen oder am Stollenwörthweier in der Sonne brutzeln – mehr geht nicht an so einem Sommertag. Falls sich dabei keine Ferienstimmung einstellt, kann das nur an einem liegen: Die richtige Lektüre fehlt.

Wer die Schinken im Bücherregal Zuhause schon auswendig kennt und nach neuem Lesefutter sucht, ist in Karl-Heinz Royens „Bücherladen Neckarstadt“ genau richtig. In zwei kleinen Räumen mit Holzfußboden stapeln sich Bücher bis zur Decke. Ein alter Kronleuchter, gemütliche Stühle mit rotem Bezug an einem antiken Holztisch und ein Plattenspieler: In dem Laden lässt es sich so gemütlich schmökern wie im eigenen Wohnzimmer. Die Auswahl ist riesig und wechselt ständig. „Wirkliche Bücherwürmer kämen nicht dreimal, wenn es immer das Gleiche gäbe“, schmunzelt der Ladeninhaber. Da müsse man mit dem Angebot mitgehen.

Seit 1973 in der Neckarstadt daheim

Was Karl-Heinz Royen als Sommerlektüre empfehlen würde? „Das kommunistische Manifest“, scherzt der Ladenbetreiber. Der 65-Jährige veranstaltete  in seinem Laden für den diesjährigen Kulturspaziergang „KultTour“ eine Ausstellung über den Philosoph, Ökonom und Schriftsteller Karl Marx – die Exponate hängen noch. Ernsthaft empfiehlt der Wahl-Mannheimer, der seit 1973 in der Neckarstadt Zuhause ist, „Wein und Brot“ von Ignazio Silone oder „Mörderisches Mannheim“. Der Buchladenbetreiber hat selbst eine Geschichte zu der Kurzkrimi-Sammlung beigesteuert.

Ansichtkarten, Wein, Kaffee, Honig

Doch der kleine Laden, den Royen 1991 übernahm, beherbergt nicht nur Bücher. „Ich habe hier die größte Ansichtskarten-Sammlung Mannheims“, berichtet der Inhaber stolz. Und tatsächlich: In einem Kartenständer und zwei Regalen finden sich unzählige Postkarten – jede ein Unikat und von dem Ladenbesitzer eigenhändig gefertigt. „Ich verstehe mich als dokumentarischer Fotograf Mannheims“, erzählt Royen. Ein Blick in die Auslage bestätigt den selbstgewählten Titel. Nicht nur Architektur lichtet der Hobby-Fotograf ab. Die Kategorie „Öde Orte“ gibt es genauso wie „Graffiti offiziell“, „Graffiti politisch“, „Zweirad“ und „Asyl“. Außerdem verkauft er Bio-Weine, sowie Schokolade, Kaffee und Honig - alles fair-Trade aus dem Weltladen. Auch Karten für Kulturveranstaltungen und Gutscheine für das Theater Oliv bekommt man in dem Eckladen. Der Buchhändler organisiert Weinproben und Lesungen.

„Ich bin mein eigener Chef und muss nichts machen, was Unsinn ist“

Die Kundschaft ist bunt gemischt. Einer jungen Frau hilft Royen bei der Auswahl eines geeigneten Kinderbuchs, ein Mann stöbert selbstständig. Später schaut ein Nachbar vorbei, um zu plaudern. Der „Bücherladen-Neckarstadt“ ist eine Ruhe-Oase im oft so hektischen Alltag. Wer Zeit mitbringt, bekommt etwas zu trinken angeboten. „Meistens Whiskey“, witzelt Royen. Schnaps gibt es nicht, dafür kann man am späteren Nachmittag von den Weinen kosten. Ansonsten wird Saft oder Kaffee gereicht. Dem 65-Jährigen geht es nicht bloß um Profit. Wer ein Buch bestellt, bekommt alle Ausgaben vorgeschlagen. Auch die vier Euro Edition, auf die man dafür etwas länger warten muss. „Ich bin mein eigener Chef und muss nichts machen, was Unsinn ist“, sagt Royen. Als Angestellter müsse man ja leider meistens stur verkaufen. Er selbst habe da mehr Freiheit. Es bleibe Raum für Gespräche und Diskussionen mit der Kundschaft.

Eine Institution

Sich neben Online-Giganten wie Amazon zu behaupten, ist nicht leicht. Doch der kleine Laden schlägt sich wacker. Vor einigen Jahren war das Geschäft in Gefahr. Das Haus wurde verkauft und der Makler wollte Royen auf die Straße setzen. Vier private Kreditgeber ermöglichten es ihm jedoch, das Geschäft zu erwerben - zum Glück, denn die gemütliche Buchhandlung ist eine Institution. Sie gehört genauso untrennbar zur Neckarstadt wie die Pizzeria „Adria“ oder die Hochhäuser der Neckaruferbebauung Nord.