Neue Alben

Auch elektronisch eine Meisterin

Archivartikel

Pop: Sophie Hunger zeigt auf „Molecules“, dass sie auch mit synthetischen Mitteln eine brillante Song-Chemikerin ist

Wer Sophie Hungers Karriere schon länger verfolgt, weiß, dass sie ein musikalisches Chamäleon ist, das sich ständig neu erfinden und wie getrieben weiter entwickeln will. Trotzdem stellen sich erstmal Akzeptanzprobleme ein, wenn ihr siebtes Album „Molecules“ sehr konsequent auf elektronische Sounds und Drumcomputer setzt. Aber ihre Anhänger haben gelernt, der 35-jährigen Bernerin zu vertrauen. Schließlich gingen auch ihre zuletzt etwas arg poppig gewordenen Albumkonzepte nach intensiverem Hören stets auf.

Auch auf „Molecules“ erweist sie sich am Ende wieder als Meisterin der Song-Chemie. Die Teile, die sie zusammensetzt, funktionieren jedenfalls mit der Zeit sogar noch deutlich besser als etwa „Supermoon“ (2015). Mit persönlichen Texten, einer immer wieder aufscheinenden Akustikgitarre und ihrem unverwechselbaren Gesangsstil zwischen allen Genres haucht sie den synthetischen Sounds Leben und Tiefe ein. Denn die Schweizerin, die auch als Jazz- oder Chansonsängerin durchgeht, weiß: Die Dosis macht das Gift. Kongenial assistiert Produzent und Remixer Dan Carey, der bereits für Künstler wie Kate Tempest, Franz Ferdinand, Hot Chip, Oh Land, I Blame Coco oder The Kills die Soundregie innehatte.

So kommen die auf elf Songs verteilten 41 Minuten oft fast träumerisch reduziert daher – im Idealfall mit Trip-Hop-Atmosphäre über dezent puckernden Beats und luziden Synthie-Flächen („Oh Lord“). Ganz stark: „There Is Still Pain Left“ oder die Single „She Makes President“. Wenn Hunger es energischer angeht, erinnert das schon auch mal an 80er-Jahre-Retro-New-Wave, wie man ihn auf Markus Ganters Produktionen für Drangsal erwarten würde („Tricks“). Theoretisch lässt hier auch der frühe Krautrock grüßen, zu dem – halb vergessen – die frühen Kraftwerk mal einen Beitrag geleistet haben.

Dass es sich um das erste komplett englischsprachige Album der polyglotten Schweizerin handelt, spielt gar keine Rolle: Denn trotz der ungewohnten Stilmittel liefert „Molecules“ Sophie Hunger in Reinkultur und damit gewohnt exzellentes Niveau. (Caroline) jpk

Unsere Note: ★ ★ ★ ★ ★ (Megamäßig) von 6 Sternen

(6 Sterne - Musikmythos; 5 Sterne - Megamäßig; 4 Sterne - Muntermacher; 3 Sterne - Mittelmäßig; 2 Sterne - Mächtig mies; 1 Stern - Mama Mia)