Neue Alben

Auf Liebe folgt die Angst

Archivartikel

Vinyl-Kritik: Das fünfte Get-Well-Soon-Album „The Horror“ ist eine hochmusikalische Studie über Angst in unserer Gesellschaft

Nach dem ungewohnt leichtfüßigen „Love“ (2016) lenkt Konstantin Gropper, der Kopf hinter dem Projekt Get Well Soon, sein fünftes Album wie gewohnt in eine ganz andere Richtung. Man kann „The Horror“ auf die paradoxe Formel „fragiler Überwältigungs-Indie-Pop“ bringen: In kaum zehn Minuten durchschreitet der Wahl-Mannheimer enorme Teile der Musikgeschichte; kombiniert Ouvertürenhaftes, Film-Musical-Taugliches, Ur-Romantisches mit Chanson und Weltmusik, extrem eindrucksvoll begleitet von der tunesischen Sängerin Ghalia Benali. Schon das Material der Eröffnungslieder „Future Ruins Pt. 2“ und „The Horror“ reicht kleineren Geistern für ein ganzes Album. Mindestens.

In „Nightmare No. 1 (Collapse)“ taucht auch Jazz auf, mit der Zeit hört man, dass Gropper sich gezielt, aber dezent vor Crooner-Großmeister Frank Sinatra verbeugt – vor dessen schwachen Stunden („In The Wee Small Hours“). Das Lied über Alptraum Nummer zwei („Dinner At Carinhall“, dem Schloss Hermann Görings) hat wiederum eine hübsch unwirkliche „Fred Astaire tanzt mit dem Zauberer von Oz zu Operetten-Hits“-Leichtigkeit. Der Hörer kommt aus dem Staunen nicht heraus.

Wenn man die musikalischen Puzzlestücke des mit glänzenden Streicher-Arrangements versehenen Gesamtkunstwerks sortiert hat und den Blick auf die Inhalte richten kann, geht das Staunen weiter: Nach dem Motto „Horror makes the world go round“ seziert Gropper mit akademischer Gründlichkeit über das Thema Angst (Horror) den Zustand unserer Gesellschaft – kulminierend im besten (Pop-)Song des Werks, den er nach Churchills geflügeltem Wort „The Only Thing We Have To Fear“ betitelt hat(zu ergänzen wäre: Is Fear Itself; zu Deutsch: Das Einzige, was wir fürchten müssen, ist die Furcht selbst).

Das Spektrum reicht von persönlichen Phobien, drei eigenen Alpträumen, über Abstiegs-, Überfremdungs- und sonstige Ängste, mit denen Politik gemacht und die Wirtschaft gepusht wird. Das alles gipfelt in einem überspitzt hymnischen Finale, das aus unbequemer Wahrheit à la Al Gore Hoffnung ziehen will.