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Vinyl-Kritik: Musselwhite und Harper glänzen

Fast schon selbstverständlich, dass ihr erstes gemeinsames Werk „Get Up!“ (2013) im Jahr 2014 den Grammy als bestes Blues-Album gewann. Zu bestechend war der Sound, den der Multistilist Ben Harper mit Mundharmonika-Ikone Charlie Musselwhite, die lebende Schnittstelle zwischen den Pionieren des Electric Blues und der Gegenwart des Genres, gemeinsam kreierte.

Der Nachfolger „No Mercy In This Land“ wirkt bei den ersten Hördurchgängen vordergründig etwas weniger offensiv. Das liegt daran, dass hier niemand irgendetwas beweisen will und sich alle Beteiligten voll in den Dienst ihrer zehn Songs stellen. Dieses Duo und seine Begleiter klingen dadurch so homogen, als würden sie schon zusammenspielen seit Muddy Waters erstmals das Stromkabel in die Gitarre gesteckt hat.

Dem 48-jährigen Harper, der auch Alternative-Rock-Fans begeistern kann, und dem 26 Jahre älteren „Memphis Charlie“ gelingt dabei etwas Paradoxes: Vor allem auf Vinyl wirkt ihr in Chess-Tradition hochorganisch und differenziert produzierter Sound uralt und frisch zugleich. Das verdankt sich der unaufdringlichen Stärke der Kompositionen. Vor allem aber der Art, wie delikat Harper Soul-Elemente in Gesang, Gitarrenspiel und Rhythmik einfließen lässt. Musselwhite agiert dabei nicht nur an der Harp kongenial und mit bewundernswertem Gespür für die richtige Dosierung. Der 74-Jährige sorgt auch als Sänger im hochpolitischen Titelsong für Gänsehaut. Der nächste Grammy ist fällig. (Anti) jpk